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Das Tagebuch

Episode 60

Als die Zwergenprinzessin letzten Sommer erklärte: „Mama, ich wünsche mir ein Tagebuch!“, war ich ziemlich erstaunt. Schliesslich konnte sie zu dem Zeitpunkt weder lesen noch schreiben. „Das macht nichts“, antwortete sie, „du kannst ja schreiben. Ich sage dir, was“. Gespannt, ob aus dem Projekt etwas werden würde, schenkte ich ihr also ein schönes kleines Notizbuch. Sie begann, es mit Zeichnungen, Klebern und Collagen zu füllen und hin und wieder schrieben wir gemeinsam ein paar Sätze hinein. Zum Beispiel folgende: „Heute haben wir Dornröschen geübt für die Aufführung am Kindsgi-Fest. Das lange Warten war langweilig. Das Spielen war schön. Es hat geregnet“. Das Zwerglein diktierte, ich schrieb und es entstanden wunderbare kurze Erinnerungsstücke für die Ewigkeit. Alle einzigartig und doch gleich.

Als ich gestern das besagte Tagebuch auf dem Schreibtisch im Zwergenzimmer liegen sehe, greife ich ganz selbstverständlich danach, um zu sehen, was sich Neues darin getan hat. Denn mittlerweile hat die Zwergenprinzessin schreiben gelernt und notiert ihre Einträge selbst. Zuerst hatte sie sich zwar geweigert, die mühsame Arbeit zu übernehmen, sich aber irgendwann damit abgefunden. Doch als ich gerade zu blättern beginne, höre ich sie plötzlich rufen: „Hey! Was machst du da? Das ist geheim! Das darfst du nicht lesen!“. Perplex halte ich inne. „Das wusste ich nicht“, antworte ich verlegen. „Wir haben doch früher zusammen reingeschrieben.“ – „Ja, aber jetzt nicht mehr!“, sagt sie resolut und nimmt mir das Buch aus den Fingern. „Da stehen GEHEIMNISSE drin!“, erklärt sie und blickt mich bedeutungsvoll an. „Wozu hat man denn sonst ein Tagebuch?!?“. Ich entschuldige mich und verspreche, das Buch ab sofort nicht mehr ungefragt zu öffnen. Schliesslich geht es mich nichts an, welche Vornamen da von Herzen umrahmt geschrieben stehen (obwohl ich sie natürlich zu gerne wüsste!) und was sonst noch in dem kleinen Köpfchen vorgeht. Ihr Tagebuch ist privat geworden, noch bevor ich überhaupt gemerkt habe, dass sich etwas verändert.

Was ist da passiert? Kommt jetzt langsam der Moment, den sich wohl alle Eltern wünschen und den sie gleichzeitig am meisten fürchten? Der Moment, wenn aus ihren Zwergen kleine Individuen werden? Denn wenn sich ihre Geheimnisse nicht mehr alle gleichen, ihre Emotionen persönlich und ihre Verhaltensweisen individuell werden, beginnen sie auch, ihre Privatsphäre zu schützen. Und wir, die bis jetzt den Freipass zum Stöbern hatten, werden gebeten, Abstand zu halten. Ja, das ist jetzt wohl dieser Moment.

Nun, liebes Zwerglein, du hast völlig recht. Es ist an der Zeit, dass ihr eure Tagebücher selbst weiter schreibt und ich dieses hier – mit einem lachenden und einem weinenden Auge – schliesse.

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Ich bin Mistral!

Episode 59

Eine der wohl schönsten Fähigkeiten, die Zwerge haben, ist die, sich in verschiedene Persönlichkeiten verwandeln zu können. Sie können sich dermassen in ihre Fantasierollen hineinversetzen, dass sie ihre wahre Identität komplett ablegen. Dabei ist es egal, ob sie gerade Mutter-Vater-Kind spielen oder Kindergartenszenen nachstellen oder als Einhörner durch ihre Fantasiewelt fliegen. Wenn sie drin sind, sind sie drin. Und dann haben sie eine erstaunlich genaue Vorstellung davon, wie sie aussehen und was sie können.
Im besten Fall klingt das dann so: „Hey, weg da! Ich muss da durchfliegen!“ – „Nein! Zum dritten Mal: wir können am Tag nicht fliegen! Einhörner fliegen nur nachts!“ – „Das ist blöd. Sagen wir doch, ich hätte Spezialkräfte.“ – „Aber das geht nicht! Ich kann doch auch nichts dafür, dass es so ist.“ – „Ja, gut, ich weiss. Aber dann kann ich wenigstens Lava zaubern, okay?“ – „Okay. Dafür kann ich aber Eis machen. Und ich habe ein Regenbogen-Horn, okay?“ – „Okay. Und ich wäre schon erwachsen, okay?“ – „Okay“.
Komplizierter wird es, wenn mehrere Zwerge die gleiche Rolle spielen möchten, zum Beispiel eine bestimmte Trickfilmfigur. Das kann zu erheblichen Konflikten führen, ja sogar zum Spiel-Stillstand. Das klingt so: „Ich bin Heidrun und mein Drache ist Schwertschwanz!“ – „Nein, ich bin Heidrun! Du warst gestern schon Heidrun!“ – „Ja, aber ich habe es zuerst gesagt!“ – „Und du kannst auch nicht den tollsten Drachen einfach nehmen!“ – „Aber Heidrun hat immer Schwertschwanz…“ – „Mir egal. Ich will den Schwertschwanz!“ – „Dann spiele ich nicht mit!“ – „Und ich auch nicht!“. Und das war’s dann mit der Drachenwelt. In solchen Momenten hilft auch alles Intervenieren nichts. Das habe ich einmal versucht, mit dem Vorschlag, man könnte ja sagen, es gäbe zwei Schwertschwanz-Drachen. Aber das war total daneben, wie ich erfahren musste. Denn nur weil eine Fantasiewelt nicht sichtbar ist, heisst das noch lange nicht, dass man einfach erfinden kann, was man will! Und da ich da offenbar nicht im Stande bin, die Spielregeln nachzuvollziehen, halte ich mich seither aus den Rollenstreitigkeiten raus – wenn ich nicht gerade wieder als Schiedsrichterin beigezogen werde, wie gestern.
Wir sitzen auf dem Sofa und schauen einen Trickfilm. Da taucht ein schwarzes Pferd auf dem Bildschirm auf. Die Zwergenprinzessin schreit aufgeregt: „Der bin ich! Das ist Mistral! Mama, der bin ich!“. Da springt das Zwergelinchen auf und brüllt: „Nein, nein, nein! Ich bin Mistral!“. So geht das zwei, drei Mal hin und her, bis ich den Fernseher ausschalte und frage: „Wieso könnt ihr denn um Himmels willen nicht beide einfach Mistral sein? Jede in ihrem Kopf. Ihr schaut doch nur zu. Da kann sich doch jede denken, was sie will“. Sie setzen sich wütend, mit verschränkten Armen und schnaubendern Nüstern wieder hin. „Stellst du dann wieder an?“ fragt Zwergelinchen. „Ja“, antworte ich. „Okay, dann halt. Dann sind wir heute eben beide Mistral. Aber morgen NUR ich!“. Okay, ich kapier’s wirklich nicht.

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Ode an die Freude

Episode 58

Jeder, der schon einmal versucht hat, seinen Zwergen „klassische“ Kinderliteratur vorzulesen, wie zum Beispiel Jim Knopf oder den Räuber Hotzenplotz, weiss, wie sehr sich die deutsche Sprache in den letzten fünfzig Jahren verändert hat. In jedem zweiten Satz lauern Stolpersteine wie „allenthalben“ oder „ausnehmend“, die von den Zwergen des 21. Jahrhunderts schlicht und ergreifend nicht verstanden werden (und ganz ehrlich: bei Wörtern wie „kalfatern“ oder „Spritzenhaus“ komme auch ich so ziemlich an meine Grenzen). So richtig lustig wird es aber erst, wenn man versucht, ihnen Gedichte von Friedrich Schiller näher zu bringen. Nicht, dass ich das aktiv unternommen hätte – die Aufgabe wurde mir gestern eher ungewollt zuteil.
Seit Wochen bereitet sich nämlich die Zwergenprinzessin in der Schule auf das grosse Frühlingssingen vor. Fleissig und voller Inbrunst übt sie zu hause, unterwegs, tags und nachts die verschiedenen Lieder, die ihre Klasse den anderen Schülern vorsingen wird. Sehr zur Freude ihrer kleinen Schwester, die automatisch alles nachsingt, was sie hört. Und so trällert das Zwergelinchen gestern ganz arglos ihre Interpretation von Beethovens Ode an die Freude. „Freude, schöner Götterfunkel, Schwester aus Elisien…“ tönt es aus ihrem Zimmer. Belustigt lausche ich dem Spektakel und verkneife mir gerade das Lachen, als die Zwergenprinzessin interveniert: „Nein, faaaaalsch! Es heisst: Schwester aus Elisi-O!“. Jetzt kann ich mich nicht mehr zurückhalten und pruste los. „Was ist?“, wollen die beiden wissen. „Also erstens heisst es Tochter und nicht Schwester, zweitens ist sie aus Elisi-EN und drittens ist es ein Götterfunk-E und kein Funk-EL“. „Was ist denn überhaupt ein Götterfunkel?“, will das Zwergelinchen wissen. „Und wo ist dieses Elisium?“, doppelt ihre Schwester gleich nach. „Also, ehm, Elisien ist kein Land oder so…“, versuche ich zu erklären. „Ehm… Es geht hier um die Freude. Die ist so schön, wie ein strahlender Stern. Ehm, also wie ein Funke, der von Gott gesandt wurde…“. Ich habe sichtlich Mühe, den Inhalt für Fünf- bis Siebenjährige herunter zu brechen.  „Und was ist jetzt mit der Tochter?“ fragt das Zwergelinchen ungeduldig. Ich gebe auf. Keine Chance. Jetzt weiss ich, warum wir dieses Stück erst in der Oberstufe gesungen und – ganz ehrlich – auch dann nicht wirklich verstanden haben. „Ach, wisst ihr was, singt es, wie ihr wollt. Es ist so oder so schön. Und den Text erkläre ich euch in ein paar Jahren“, beschliesse ich und ergänze leise: „…oder auch nicht.“ Gottseidank ist wenigstens die Sprache der Musik universell. Das muss vorläufig in Punkto klassische Bildung reichen.

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Sonntagmorgen

Episode 57

Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich den Sonntagmorgen zwischen acht und neun Uhr als den schönsten Moment des Wochenendes geniessen könnte, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Heute nicht mehr. Heute stelle ich manchmal sogar den Wecker, um diesen Moment nicht zu verpassen.

Es ist der Moment der Ruhe und Harmonie, wie er in einem Zwei-Zwerge-Haushalt sonst nicht vorkommt. Während ich ganz leise aufstehe und die Treppe hinunterschleiche, um ja nicht dabei ertappt zu werden, dass ich meinen Tag beginne, macht sich ein wunderbares Gefühl von Freiheit breit. Zwar ist diese Freiheit auf ziemlich genau eine Stunde und den Radius unseres Wohnzimmers beschränkt, aber sie fühlt sich an, als wäre sie die ganze Welt. Denn sie ist für einmal nicht teuer erkauft, sie geht niemandes zulasten, ich weiss, dass alle – ganz ohne mein Zutun und ohne meine Aufmerksamkeit – glücklich und zufrieden schlummern.

Zu diesem Sonntagsritual gehören normalerweise frischer Kaffee, Toast mit Konfitüre, eine Zeitschrift (Mode, Klatsch und andere Belanglosigkeiten), der Laptop (Surfen, Facebook, Youtube und was sonst noch so Spass macht) oder mein Handy (endlich in Ruhe alle SMS und WhatsApp beantworten und Freunde fragen, wie es ihnen eigentlich so geht). Manchmal gesellt sich auch der Zwergenvater dazu, ohne dass dies jedoch einen Einfluss aufs Programm hätte. Das ungeschriebene Gesetz lautet: Ruhe geniessen und mental alleine sein. Wenn die Zwerge aufwachen, geht es mit der Interaktion noch früh genug los.

Doch gestern ist die Zwergenprinzessin früher als gewöhnlich auf den Beinen. Gut gelaunt und voller Energie schmiegt sie sich zu mir aufs Sofa. Völlig geistesabwesend und in meine Internet-Recherche nach dem nächsten potenziellen Urlaubsziel vertieft, wünsche ich ihr einen guten Morgen und schicke sie mit einer Kopfbewegung zu Ihrem Vater rüber, der ihr doch mit dem Frühstücksmüesli helfen soll. Doch dieser sitzt ganz konzentriert über der Sonntagszeitung am Küchentisch. „Das kannst du doch längst selbst“, höre ich ihn murmeln, ganz ohne dass sich sich sein Kopf dabei bewegt. Die Zwergenprinzessin macht sich also ihr Müesli, setzt sich schweigend an den Tisch und beginnt zu essen. Irgendwann wird es ihr aber doch zu langweilig. „Und was soll ich jetzt bitte machen?“ fragt sie. „Beschäftige dich selbst! Das muss man auch mal können“, erwidert der Zwergenvater. „Ach ja? Und wie soll das gehen?“, fährt sie ihn an. „Ich habe keine Zeitung, keinen Computer und kein Handy! Was schlägst du also vor?“ Wir blicken uns beide ratlos-verlegen an: Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Und mit zwei Medien-Junkies als Vorbilder ist das Leben wirklich nicht so einfach…

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Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Episode 56

Die Winterferien verbringen wir gerne im Schnee. Besonders die Zwerglein freuen sich jedes Mal aufs Skifahren, auch wenn sie dazu in die Skischule müssen. Heute – es ist der letzte Tag – steht wie immer das obligate Skirennen aller Klassen auf dem Programm. Aufgeregt montieren die Zwerge ihre Ausrüstung. Die Anspannung ist ihnen anzusehen. Während sich das Zwergelinchen vor allem Sorgen darüber macht, dass sie hinfallen oder ihre Eltern in der Menschenmenge verlieren könnte, beschäftigt die Zwergenprinzessin bereits die Frage, ob sie wohl Chancen auf einen Podest-Platz hat. Letztes Jahr hat sie eine Bronzemedaille gewonnen, doch sie ahnt, dass es diesmal schwierig wird. Die anderen Zwerge in ihrer Gruppe sind alle älter und erfahrener. Ich spüre, dass es der Moment ist, ihr den Olympischen Gedanken zu erklären. „Weisst du, es ist völlig unwichtig, auf welchen Rang du fährst“, sage ich. „Das Wichtigste ist, das du dein Bestes gibst. Dabei sein ist alles!“. Der Zwergenvater doppelt nach: „Wir sind so oder so stolz auf euch! Wichtig ist, dass ihr mitmacht. Wie schnell ihr dabei seid, ist egal“. „Ja, und dass ihr euch nicht verletzt ist noch viel wichtiger!“, ergänze ich. „Genau! Lieber sicher fahren als schnell“, beteuert der Zwergenvater. Wir können gar nicht mehr aufhören. Doch je weiter wir uns in unsere Rede hineinsteigern, desto skeptischer werden die Kleinen. Die Zwergenprinzessin ahnt, dass da mit der Logik etwas nicht stimmt: Wieso ein Rennen, wenn die Geschwindigkeit nicht zählt? Doch sie lässt es auf sich beruhen. Sie hat jetzt keine Zeit zu diskutieren, es geht los!
Nachdem alle Teilnehmer erfolgreich im Ziel angelangt sind – es wahren gefühlte 200 – folgen die grosse Siegerehrung und die Rangverkündung. In ihren Gruppen werden die Zwerge auf die Bühne geholt, mit Medaillen und Ballonen versehen, beklatscht und bejubelt. Alle haben es geschafft. Das Zwergelinchen wird zu ihrer eigenen Überraschung sogar dritte ihrer Gruppe und darf auf das Podest steigen. Sie strahlt – bis sie ihre Medaille bekommt. Da verdüstert sich ihr Blick. Auch die Zwergenprinzessin ist eher verhalten. Es hat nicht unter die ersten drei gereicht. Doch sie lächelt tapfer. Noch ein Foto, dann dürfen alle Zwerge zu ihren Eltern. Als wir unsere kurz später im Gewühl wiederfinden, grinsen sie beide wieder von einem Ohr zum anderen. Die Zwergenprinzessin hat die grosse Bronzemedaille um den Hals, das Zwergelinchen dafür die kleine goldene Trostmedaille. „Geht’s noch? Hast du deiner Schwester die Bronzemedaille weggenommen?“, frage ich entrüstet. „Nein!“, wirft das Zwergelinchen ein. „Ich wollte tauschen! Ich will die nicht mit dieser hässlichen Farbe! Diese ist viel schöner“, schwärmt sie glücklich, während die Zwergenprinzessin stolz die bronze-behangene Brust betrachtet. Ja, so kann man den Olympischen Gedanken auch interpretieren. Hauptsache, alle sind glücklich!

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Das Erbe

Episode 55

Mit Zwergen über den Tod zu sprechen, ist nicht immer einfach. Denn der Tod ist kompliziert zu verstehen. Da gibt es einerseits leblose Körper, die vergraben oder verbrannt werden („Tut das nicht weh?“) und andererseits Seelen („Was ist das schon wieder?“), die in den Himmel steigen oder vielleicht auch ins Weltall – wir haben uns da noch nicht definitiv festgelegt. Doch so traurig dieses Thema die Zwerge manchmal stimmt (zum Beispiel, wenn sie einen toten Vogel am Strassenrand sehen), so gelassen können sie es an anderen Tagen durchdiskutieren. Zum Beispiel wenn es darum geht, dass auch ihre Eltern eines fernen Tages nicht mehr da sein werden.
„Mama, ich möchte dann dein Handy haben!“, verkündet die Zwergenprinzessin heute Morgen unvermittelt. „Wieso? Ich kaufe jetzt sicher kein neues. Und ausserdem bist du zu klein für ein eigenes Handy“, antworte ich. „Nein, nicht jetzt! Wenn du stirbst, natürlich! Ich bin dann erwachsen und kriege das Handy, okay?“ Ich lache laut los. „Ja, wenn du es bis dann noch haben möchtest, dann kriegst du es. Aber was geben wir dann deiner Schwester?“, frage ich und blicke zum Zwergelinchen herüber. „Ich habe mich für den Drucker entschieden!“, antwortet diese wie aus der Pistole geschossen. Aha, die beiden scheinen das alles bereits durchgegangen zu sein. „Wieso den Drucker?“, will ich amüsiert wissen. „Weil ich dann so viele Blätter zum Ausmalen ausdrucken kann, wie ich will.“ – „Du meinst also für deine Kinder? Oder wirst du als Erwachsene auch noch ausmalen wollen?“, will ich wissen. „Nein, ich kriege keine Kinder. Vielleicht höchstens einen Mann. Aber ich muss ja dann auf ihre (sie zeigt auf die Schwester) zwanzig Kinder aufpassen…“ – „Wirklich? Das sind aber ganz schön viele Neffen und Nichten!“ – „Ja, aber wir wissen schon, wie wir das machen. Und auch, wer welche Zimmer im Haus kriegt. Das gehört dann ja auch uns, oder?“
Aber sicher doch, ihr süssen kleinen Aasgeier!

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Gutmensch?

Episode 54

Vor einigen Tagen wurde „Gutmensch“ in Deutschland zum „Unwort“ der Jahres 2015 gekürt, weil es, so die Jury, „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd“ diffamiere. Schade eigentlich. Denn sollten wir, gerade als Eltern, nicht alle ein wenig Gutmenschen sein wollen? Sollten wir nicht unseren Zwergen eine gewisse Dosis an Gutmenschentum vorleben, um sie zu guten Menschen zu erziehen? Möchten wir nicht alle eines Tages sagen können: „Mein Zwerg ist zu einem richtig guten Menschen geworden“?
Tja, ich glaube, ich habe  wieder einmal eine Gelegenheit dazu verpasst.
Als ich gestern das Zwergelinchen vom Kindergarten abhole, sieht sie ganz betrübt aus. „Was ist los?“, frage ich. „Urs ist so gemein“, antwortet sie zögerlich. „Was hat er gemacht?“ – „Er nimmt mir in der Pause immer das Dreirad weg. Immer. Er schupft mich einfach weg.“ Nachdenklich sehe ich sie an. Gäbe es so etwas wie „Gutzwerge“, dann wäre das Zwergelinchen einer davon. Aber im Zwergenuniversum gelten andere Regeln. Zwerge kämpfen mit harten Bandagen, das vergessen wir als Erwachsene einfach gerne. Allzu gute Gutzwerge gehen unter. „Du musst dich wehren!“, sage ich. „Du brauchst ja nicht unbedingt zu schupfen oder so. Aber sag ihm, er solle verschwinden, wenn er das nächste Mal kommt“. Das Zwergelinchen sieht mich skeptisch an. „Vergiss es. Der ist so stark!“ – „Na dann mach ihm Angst! Sag: „Hau ab, sonst knallt’s!“ und mach ein böses Gesicht! Stampf auf den Boden! Schrei ihn an!“. Ich komme richtig Fahrt. Und weil mich das Zwergleich noch immer ungläubig ansieht, ergänze ich: „Sag ihm, du holst sonst deinen grossen Onkel Nik und der ist der stärkste Mann der Welt und der beschützt dich!“. Da erkenne ich ein Blitzen in ihren Augen. Dieser Vorschlag gefällt dem Zwergelinchen. „Okay, ich probier’s“, nimmt sie sich vor.
Als ich sie am nächsten Tag wieder abhole, strahlt sie mich an: „Ich bin heute ganz lange Dreirad gefahren in der Pause!“ – „Wow, super! Wie hast du das geschafft?“, will ich wissen. „Ich bin aufgestanden, habe Urs böse angeschaut und ihm gesagt, wenn er mich nicht in Ruhe lässt, verhaut ihn meine Mama, wenn sie mich vom Kindgsi abholen kommt!“. Ups! Das Coaching ist wohl in die falsche Richtung los. Na dann hoffen wir mal, dass Urs das nicht SEINER Mama erzählt. Ich lasse mir zur Sicherheit schon mal die Nägel wachsen. Denn wenn es um die eigene Brut geht, hört bei allen Mamas das Gutmenschentum ganz schnell auf…

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Betreten verboten

Episode 53

Neuerdings gibt es in unserem Haus verschiedene Verbotszonen. Die Zwerge haben nämlich entdeckt, was es heisst, ein eigenes Territorium zu besitzen und dieses auch – wenn nötig – zu verteidigen. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ihnen vor allem das Letztere teuflischen Spass bereitet.
Angefangen hat es alles vor ein paar Wochen, nach einem Streit zwischen der Zwergenprinzessin und mir. Sie ist in ihr Zimmer gestampft, hat die Türe zugeknallt und sich eine Viertel Stunde nicht mehr blicken lassen. Dann kam sie vorsichtig hinaus, klebte ein Blatt an die Tür und verschwand sofort wieder dahinter. Belustigt betrachtete ich das Kunstwerk. Sie hatte eine Frau gezeichnet, sie mehrfach durchgestrichen und mit Gewitterblitzen umrahmt. Darunter stand: „Ferbod“. Plötzlich ging die Tür wieder auf, der Wutzwerg kam heraus, schrieb noch gross „MAMA“ über die Frau auf dem Blatt, sah mich an und fauchte: „Nur falls du es nicht verstanden hast: Das bist du. Und du darfst hier nicht rein!“. Sie verschanzte sich wieder und ich beschloss, ihr Territorium zu respektieren. Sie hatte recht: Ihr Zimmer ist ihr Zimmer und da soll sie ihre Ruhe haben, wenn sie möchte.
Logisch, dass diese neue Rückzugstaktik schnell Fuss gefasst hat. Die Zwerge haben nämlich herausgefunden, dass sie sie auch untereinander anwenden können – jede, so gut sie eben kann. Während die Zwergenprinzessin inzwischen ganze Listen veröffentlicht, was in ihrem Zimmer erlaubt ist und was nicht (zum Beispiel, dass es nicht mit „blute Füsen“ betreten werden darf – sie hat in der Schule gehört, dass man sich so mit Warzen ansteckt), behilft sich das Zwergelinchen mit Piktogrammen und Fantasiesprache (M RAAA WPSI: „Da steht auf meiner Sprache: Hunde und Schwestern verboten!“). Wunderbar – so weiss jeder in der Familie, woran er ist.
Das Dumme ist nur, dass die Zwerge dieses Verhalten bis jetzt nur auf ihre eigenen Zimmer anwenden. Die Vorstellung, dass auch ich ein eigenes Territorium besitzen könnte, ist ihnen nach wie vor fremd. Egal, welche Strafen ich androhe, meine Schubladen sind Selbstbedienungszone, meine Kosmetikartikel Experimentiermaterial, meine Taschen Fundgruben und mein Bett Mehrzweck-Veranstaltungsort. Ich solle halt auch ein Schild an mein Zimmer machen, rät mir das Zwergelinchen gestern, als ich mich mal wieder darüber aufrege, dass niemand mein Territorium respektiert. Gut, denke ich, das werde ich gleich morgen machen. Aber als ich dann abends zu Bett gehen will und dort meinen Platz von einem tief und ruhig schnaufenden, wohlduftenden Zwerglein besetzt vorfinde (sie konnte wohl bei sich nicht einschlafen), finde ich mein Schicksal doch plötzlich nicht mehr so schlimm.
Zwerglein, mein Bett ist dein Bett. Die Zeit, wo du es nicht mehr brauchst, wird schnell genug gekommen sein…

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Gute Vorsätze

Episode 52

Dezember ist traditionell die Zeit der Jahresrückblicke und der guten Vorsätze. Lustiger Weise scheint das ein natürlicher Vorgang zu sein und kein – wie ich eher vermutet hatte – gesellschaftlich anerzogener. Denn obwohl gute Vorsätze nie ein Thema bei uns waren, haben sich unsere beiden Zwergendamen bereits einiges fürs nächste Jahr vorgenommen.
Zwergelinchens Vorsätze fürs nächste Jahr sind dabei hauptsächlich pragmatischer Natur. Sie verschiebt einfach alles, was ihr gegen den Strich geht, auf 2016. Zum Beispiel die Fortsetzung des Schwimmkurses („Ich mache nächstes Jahr weiter, jetzt möchte ich eine Pause!“) oder das Haarscheiden („Das können wir doch im neuen Jahr machen!“) oder das Velofahren („Das lerne ich, wenn ich sechs bin!“). Auch das Grösserwerden ganz allgemein hat sich das Zwergelinchen erst fürs nächste Jahr so richtig vorgenommen. Nächstes Jahr wird sie sich trauen, den Nachbarshund zu streicheln, dann wird sie auch beim Grüezi-Sagen nicht mehr auf den Boden starren und dann wird sie ganz allein die Tür zum Kindergarten öffnen. So hat sie das geplant und angekündigt. Und vorher braucht man sie mit alledem nicht zu behelligen.
Etwas unerwarteter kommen heute die Neujahrsvorsätze der Zwergenprinzessin. „Mama, im neuen Jahr streiche ich mein Zimmer neu“, erklärt sie mir. „Diese rosa und pinken Blumen sind voll peinlich“. „Ach ja?“, antworte ich. „Und in welcher Farbe streichst DU denn dein Zimmer neu?“ – „Schwarz. Das ist meine neue Lieblingsfarbe, das weisst du doch!“ – „Ist das nicht etwas zu dunkel als Wandfarbe?“ – „Nein, das wird toll. Und weil ich wusste, dass du das sagst, habe ich auch entschieden, dass ich eine Wand weiss lasse und dafür mit Graffitis in allen Farben vollspraye“. Sie strahlt vor Vorfreude, sodass die Zahnlücken nur so blitzen. Dass ihr wichtigstes Vorhaben für 2016 ist, endlich Teenager zu werden, hatte ich schon vermutet. Der Kinderkram in ihrem Leben ist mit sieben Jahren nämlich Geschichte. Schliesslich geht sie jetzt in die Schule, findet sie auch bereits überflüssig (wer braucht schon das ganze Alphabet?) und beschäftigt sich lieber mit Liebesgeschichten, die der Pausenhof so hergibt.
Da ich aber gerade mit einem Fuss auf der Leiter, dem anderen in der Luft und beiden Händen am obersten Zweig des Tannenbaums hänge und versuche, die pinken (von der Zwergenprinzessin ausgesuchten!) Kugeln zu befestigen, nicke ich nur und gebe ein vages „Mhm“ von mir. „Nein, wirklich, Mama, darf ich? Darf ich? Darf ich?“. Sie muss es natürlich jetzt wissen. „Ach, frag doch Papa!“, antworte ich kurzerhand, um nicht von der Leiter steigen zu müssen. „Ok!“, spricht sie und stapft davon. Oh wie wunderbar! Ich hatte gar nicht realisiert, wie einfach gewisse Probleme wegdelegiert werden können.
Ich notiere: 2016 den Zwergenvater mehr Diskussionen führen lassen. Happy New Year, mein Liebster!

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Eitelkeiten

Episode 51

„Irgendwann hole ich mir noch den Tod – oder zumindest eine Lungenentzündung“, denke ich heute morgen, als ich im Pyjama vor dem Gartentor stehe und dem Zwerg nachwinke, der sich gerade auf den Weg zur Schule macht. Schliesslich haben wir Dezember und eine Aussentemperatur von zwei Grad. Das Gleiche denkt sich wahrscheinlich auch unser Nachbar, der gerade mit beschämt gesenktem Kopf an mir vorbeigeht und nicht weiss, ob er mich grüssen soll oder einfach so tun, als hätte er mich und mein Pyjama nicht gesehen. Oder vielleicht denkt der auch: „Um Himmelswillen, kann die sich nicht anziehen, bevor sie aus dem Haus geht?!“ Wahrscheinlich denkt er beides. Aber das ist mir in dem Moment egal, ich werfe ihm ein „Guten Morgen!“ zu und husche wieder rein.
Doch Moment mal, seit wann ist mir das denn eigentlich egal? Und sollte es mir überhaupt jemals egal sein? Darf ich meinen Mitmenschen tatsächlich jeden Anblick zumuten, einfach weil ich Mutter bin und zwischendurch logistisch überfordert? Nein, eigentlich nicht. Denn dann kann ich es ja gleich seinlassen mit dem Hübschmachen – und viel Geld sparen, anstatt es in Kleider und Makeup zu investieren. „Ab morgen gibt’s keine Pyjama-Show mehr!“, nehme ich mir vor und gehe mich anziehen.
Am Nachmittag sind wir mit dem Zwergenopa verabredet. Bei ihm in der Arztpraxis, ein Zwergen-Ohr muss untersucht werden. Gut gelaunt und adrett gekleidet betreten die Zwerge und ich den Empfangsbereich, ziehen Jacken und Mützen aus und plaudern mit den Assistentinnen. Ich trage sogar Lipgloss und bin frisch gekämmt. Dann kommt uns der Zwergenopa abholen und alles nimmt seinen gewohnten Gang. Erst nach der Untersuchung, als ich meine Jacke wieder anziehen will, blicke ich voller Entsetzen in den Spiegel an der Wand: Da thront ein riesiger orangener Fleck mitten auf meinem hellrosa Wollpullover!! Oh Mann, wann ist das denn passiert? Wie sehe ich jetzt schon wieder aus? Da fällt mir ein, dass ich zum Zvieri eine viel zu weiche Khaki aufgeschnitten habe und dass die sich wohl an meinem Pullover gerächt hat. Und zwar über die ganze Bauchbreite hinweg.
„Oh nein! Papa, warum hast du mir denn nichts gesagt?“, frage ich den Zwergenopa entsetzt. Der sieht mich ganz gelassen an, lächelt und sagt: „Wieso? Mamas sehen eben so aus. Nicht aufregen“. Und ob ich mich aufrege! Aber ob es etwas nützt, ist fraglich…

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Früher war es besser

Episode 50

„Früher war alles besser!“, wirft mir gestern mein wütender Zwerg entgegen. Na das fängt ja gut an, denke ich, wenn man mit sechs Jahren bereits wehmütig auf die Vergangenheit blickt. „Was meinst du?“, frage ich und schaue vom Laptop hoch. Die Zwergenprinzessin hat sich breitbeinig neben meinem Schreibtisch aufgestellt, die Arme kampflustig vor der Brust verschränkt. Sie erklärt: „Als du noch ins Büro gingst zum Arbeiten. Das war besser!“ – „Du denkst, ich soll lieber wieder wo anders arbeiten?“ Ich bin ziemlich erstaunt, hatte ich doch gedacht, dass mein Wechsel in die Selbstständigkeit und damit ins Home-Office zum Wohle aller sein würde. Keine festen Bürozeiten, keine Feriensperren, keine unnötigen Arbeitswege mehr. Dafür mehr Flexibilität, mehr Zeit am Morgen, mehr Raum für Unvorhergesehenes. „Aber früher hätte ich dich nicht einfach aus der Schule holen können, wie am Montag, als du Kopfweh hattest“, versuche ich zu argumentieren. „Und jedes Mal selbst zu Hause bleiben, wenn eine von euch krank ist, oder dich mit zwanzig Muffins bis zur Schulzimmertür begleiten, wenn du Geburtstag hast, – das war früher alles nicht so einfach“. Mir würden noch tausend Gründe einfallen, warum jetzt alles besser ist. Doch die Zwergenprinzessin verzieht keine Mine. Irgendwie ziehen meine Argumente nicht. Kein Wunder: sie hat die ganze Organisiererei im Hintergrund, das Betteln um Home-Office-Tage und die Nervenzusammenbrüche im abendlichen Stossverkehr gar nie mitgekriegt. „Dafür sitzt du jetzt aber immer am Laptop“, kontert sie. „Am Nachmittag, am Abend, am Samstag, am Sonntag, in den Ferien. Und immer sollen wir dich nicht stören!“ – „Aber doch nicht immer! Manchmal nur kurz…“, versuche ich zu relativieren. „Es nervt trotzdem! Ich wünschte, du hättest gar keinen Job!“. Was soll ich darauf sagen? Soll ich ihr erklären, dass ich meine Zwerge zwar liebe, sie mir aber nicht „Job“ genug sind? Oder dass ich einfach gerne arbeite? Oder soll ich lieber damit kommen, dass die tollste, neuste Barbie unter anderem darum unter dem Weihnachtsbaum liegen wird, weil auch ich Geld verdiene? Am Besten erkläre ich wohl gar nichts. Ich klappe den Laptop zu, stehe vom Tisch auf und frage: „Okay, also was machen wir heute?“. Zufrieden grinst mich die Zwergenprinzessin an und sagt: „Komm, wir fragen noch die anderen“, nimmt mich bei der Hand und zerrt mich ins Kinderzimmer. Dort sitzt das Zwergelinchen an ihrem kleinen Tischchen, einen Schuhkarton zum Laptop umfunktioniert, und ist voll konzentriert. Ohne uns überhaupt anzusehen spricht sie: „So, und jetzt alle wieder raus! Ich muss nämlich Texte schreiben. Da brauche ich Ruhe!“

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November 2015

Schreckliches Vergnügen

Episode 49

Die Basler Herbstmesse ist jedes Jahr ein sehnlichst erwartetes Ereignis für die Zwerge. Es ist, als ob die ganze Stadt nur für sie präpariert wäre. An jeder Ecke süsse Köstlichkeiten, überall Ballone, blinkende Lichter, Musik.
Aber das Allerbeste sind natürlich die Bahnen. Doch während für die ganz kleinen das gemächliche Rösschen-Karussell bereits ein Highlight ist, kommen bei den grösseren Zwergen schon ganz andere Bahnen auf die Wunschliste. „Ich will auf das fliegende Ketten-Dreh-Ding! Und auf die Botsch-Autos! Dann will ich in die Geisterbahn und auf den fliegenden Teppich!“, ruft dieses Jahr die Zwergenprinzessin, als wir aus dem Tram steigen und uns in Getümmel stürzen. „Und wir müssen unbedingt ins Spiegellabyrinth! Da war gestern nämlich der Jan drin und ist mit einer riesigen Beule wieder rausgekommen, weil er voll in die Scheibe geknallt ist. Da muss ich hin!“. Na super! Klar, in dem Fall müssen wir da auch unbedingt hin.
Ich bin völlig überfordert. Nicht nur, dass ich in dem Moment realisiere, dass mich der Nachmittag finanziell ruinieren wird, sondern auch, weil mir klar wird, dass auch ich mich wohl oder übel in einige dieser Bahnen werde setzen müssen. Wo sind bloss die Zeiten geblieben, als man nach einer Zuckerwatte und zwei Fahrten auf der Baby-Bahn wieder nach Hause konnte?
Aber ich will ja keine Spielverderberin sein. Wir legen also los und bringen die Botsch-Autos und die Geisterbahn hinter uns. Als wir uns vor einer Bahn Namens „Snow Dream“ (so etwas wie ein Hochgeschwindigkeitskarrussell) in die Schlange stellen und ich auch etwas kleinere Fahrgäste aussteigen sehe, frage ich das Zwergelinchen, ob sie nicht auch mitfahren möchte. Als die jüngere hat sie sich bis jetzt noch überall zurückgehalten. Sie zögert. „Das dreht aber schon extrem schnell“, gibt sie zu bedenken und wird etwas blass. Doch dann sehe ich ein Funkeln in ihren Augen aufblitzen. „Ja, ich will mit!“, sagt sie und nimmt mich entschlossen an der Hand. Eine Entscheidung, die sie bereuen wird. Denn kaum hat sich der „Snow Dream“ in Bewegung gesetzt (und zwar nur, um noch weitere Fahrgäste einsteigen zu lassen), ist alle Freude aus ihrem Gesicht gewichen und die kleinen Fingerchen klammern sich bang um die Eisenstange vor uns. Dann geht es los. Die Bahn beginnt zu drehen und wird immer schneller. Die Zwergenprinzessin quietscht vor Vergnügen, das Zwergelinchen schreit aus Verzweiflung und ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Während ich das Zwerglein fest an mich drücke, versuche ich es zu beruhigen, doch es nützt nichts. Sie hat Todesangst. Dann ist es endlich vorbei. Weinend und wütend und ganz wackelig steigt sie aus der Bahn. Nach ein paar gebrannten Mandeln und vielen Streicheleinheiten, fängt sie sich schliesslich wieder. Nach ein paar weiteren Minuten huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sogar ein kleiner Anflug von Stolz. „Nächstes Jahr probiere ich es noch mal!“ gibt sie zu Protokoll. Es ist eben ein schmaler Grat zwischen schrecklichem Vergnügen und Todesangst.

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Monster, Geister und grosse Zwerge

Episode 48

Letzte Woche geriet ich wieder einmal heftig in Erklärungsnot. „Also Kinder, am Wochenende seid ihr allein mit der Oma. Mama und Papa schlafen nicht zu Hause“, informiere ich die Zwerge. Das Zwergelinchen blickt auf und fragt: „ Wo geht ihr denn hin?“ – „Wir feiern einen Erwachsenen-Geburtstag“, antworte ich knapp. „Und wieso kommt ihr danach nicht nach Hause?“, will sie wissen. Sie riecht: das ist nicht die ganze Wahrheit. „Naja, weil es eben weit weg ist und wir im Hotel übernachten“, erkläre ich.

Da schaltet sich die Prinzessin ein: „Und wo ist das Hotel?“. Ich sehe schon, so einfach komme ich nicht davon. Die Katze muss aus dem Sack. „Im Europapark“, antworte ich kleinlaut und versuche dabei, sie möglichst nicht anzusehen. „Waaaaaas?! Ihr geht in den EUROPAPARK? Ohne uns?“, die Entrüstung ist gross, wie erwartet. „Wir waren noch nie im Europapark! Alle anderen Kinder waren schon. Und jetzt geht ihr ohne uns?“, die Zwergenprinzessin kriegt fast keine Luft. „Mama, aber das ist doch für Kinder, warum dürfen wir nicht mit?“, schluchzt das Zwergelinchen. Ich muss zugeben, das ist eine sehr berechtigte Frage. „Naja, weisst du, weil wir eben abends gehen. Da ist es dunkel. Und die meisten Bahnen sind gar nicht an. Dann dürfen Kinder gar nicht rein“, antworte ich wahrheitsgetreu (und verschweige die Kleinigkeit, dass wir auch Eintrittskarten für den Folgetag haben). Klar, dass dann die Frage kommt: „Aber was macht ihr denn da?“ – „Naja, es ist ein Halloween-Fest. Und dann laufen als Monster verkleidete Menschen im Park herum und erschrecken die Besucher. Und man kann in verschiedene Geisterbahnen gehen, es ist alles unheimlich und schrecklich“. Das Zwergelinchen sieht mich an, als wäre ich völlig verrückt: „Du gehst dich von Monstern erschrecken lassen?“, während die Zwergenprinzessin schreit: „Ich will auch! Ich will auch!“. Ich wusste ja, die Nachricht mit dem Europapark würde nicht ganz einfach zu verdauen sein.

Als wir dann zu sechst – wohl bemerkt alle Eltern – vor dem liebevoll grauenvoll dekorierten Eingangstor zur „Horror-Night“ stehen und hunderte andere Erwachsene mit uns hineindrängen in den ausverkauften Erlebnispark, wird mir klar: Wer dachte, diese Parks (Legoland, Europapark, Disneyland und wie sie alle heissen), seien primär für Zwerge erfunden worden, irrt gewaltig. Und während sich mein Verstand noch gegen so viel Infantilität zu wehren versucht, beschliesse ich, ihn auszuschalten und stürze mich – mit schlotternden Knien und schweissnassen Händen – einfach auch ins Horror-Gewühl und geniesse den Abend. Zusammen mit dem Zwerg in mir.

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Es lebe der Familientisch!

Episode 46

Der Familientisch als soziale Institution ist im Verschwinden begriffen. Das sagen zumindest diverse Studien. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung isst über Mittag nicht zu Hause und auch das Abendessen wird zunehmend auswärts konsumiert. Ein Zeichen unserer Zeit. Pädagogen, Soziologen und andere Gesellschaftsforscher bedauern diesen Umstand sehr. Schliesslich seien gemeinsame Mahlzeiten „ein rituelles, verbindendes Element für unsere Beziehungen“. Ich pflichte ihnen natürlich bei – zumindest theoretisch.
In der Praxis hingegen frage ich mich manchmal, ob ich tatsächlich solchen Wert darauf legen sollte, dass wir mindestens einmal täglich alle zusammen essen. Denn so richtig entspannt läuft das ja in den seltensten Fällen ab.
Da wären zum Beispiel die Essmanieren. Während man den zwei- bis dreijährigen Zwergen das Herumkleckern, Finger in den Mund stecken und Essen wieder auf den Teller spucken noch verzeihen mag („Oh, jööö, schau, er hat sich den ganzen Brei ins Gesicht geschmiert, wie häääärzig!“), ist solches Verhalten bei den grösseren Zwergen nur noch lästig. Schliesslich will man sich ja nicht jedes Mal schämen, wenn man als Familie zum Essen eingeladen wird. Und so wird der Familientisch automatisch auch zum Erziehungstisch. Wie ein Mantra werden immer und immer wieder die gleichen Regeln wiederholt („Nicht mit den Fingern essen“, „Mund zu beim Kauen“, „Runterschlucken, dann sprechen“, „Serviette, nicht Hose benutzen“, etc.) und wie ein Naturgesetzt werden sie immer und immer wieder ignoriert.
Doch damit nicht genug. Begleitet wird das Ganze noch durch die obligaten Diskussionen darüber, was auf dem Teller liegt und ob es tatsächlich gegessen werden muss. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Und natürlich sollen auch Zwerge ein Recht darauf haben, gewisse Speisen nicht zu mögen. Doch irgendwie beschleicht mich langsam der Verdacht, dass es dabei um etwas anderes geht, als simple Vorlieben. Zum Beispiel heute Mittag, als wieder eine typische Familientisch-Dialog losgeht. Das Zwergelinchen ist genervt:
„Oh nein, Erbsen!“
„Wieso? Du magst doch Erbsen…“
„Nein!“
„Seit wann denn das???“
„Schon immer!“
„Stimmt doch gar nicht: Letzte Woche hast du sie ohne Motzen aufgegessen!“
„Ja, aber die waren anders.“
„Woher willst du das wissen? Diese hier hast du noch gar nicht probiert!“
„Ja, aber ich weiss es eben! Und die mag ich nicht.“
„Du musst sie auch nicht mögen, nur essen!“
„Nein, lieber verhungere ich!“
„Okay, dann sitz wenigstens gerade, während du das tust!“.
Na, wenn das keine „verbindenden Erlebnisse“ für unsere Beziehung sind!

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Alles blöd!

Episode 45

Es ist 7.45 Uhr. Die Zwergenprinzessin sollte längst auf dem Weg in die Schule sein. Doch sie sitzt auf der Treppe und weint. „Ich will heute nicht gehen“, schnieft sie. Warum, weiss sie eigentlich auch nicht. Es ist einfach einer dieser Tage, an denen alles blöd ist. Die Schule ist blöd, die Kleider in ihrem Schrank auch, Frühstücken ist super blöd und danach Zähneputzen sowieso. Und am oberblödesten ist heute, eine Mama zu haben, die arbeitet. „Waaaas? Und dann muss ich heute auch noch in die Nachmittagsbetreuung??“, schnaubt sie entrüstet, als ich ihr in Erinnerung rufe, dass ich sie um 18 Uhr dort abholen werde. „Nein! Da gehe ich sowieso nicht hin. Dann bleibe ich grad ganz zu Hause!“, droht sie. „Wieso musst du überhaupt arbeiten? Kannst du nicht wie Marcos Mama einfach immer da sein?“ fragt sie tränenüberströmt.
Sie weiss genau, dass sie mich mit diesem Vorwurf am härtesten trifft. Schliesslich hat sie auch schon einige Jahre Übung auf dem Fachgebiet der emotionalen Erpressung. Aber natürlich falle ich – wie jedes Mal – wieder darauf rein. Ich erkläre, rechtfertige, entschuldige mich. Ich tröste, drohe, diskutiere abwechselnd und versuche sie dabei irgendwie aus dem Haus und auf den Schulweg zu schieben. Nicht ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, natürlich. Denn welche Mutter hinterfragt nicht ihren Lebensstil, wenn sie in die tränengeröteten Augen ihres Zwerges blickt und die klammernde Umarmung mit Gewalt zu lösen versucht? Doch da es für das Problem in dem Moment sowieso keine andere Lösung gibt, verfahre ich nach dem Motto „Augen zu und durch“. „Los, geh jetzt!“, befehle ich und sie gehorcht – jedoch nur unter der Bedingung, dass ich sie so früh wie möglich abholen komme. Ich soll die erste Mama sein, die auftaucht. Denn bis um sechs halte sie es heute auf gar keinen Fall aus, schärft sie mir ein. Schliesslich ist dort ja alles so blöd!
Gut, damit kann ich leben. Ein bisschen kompromissbereit muss man sich ja zeigen. Dann gebe ich eben Vollgas, verschiebe eine Sitzung und erledige das, was liegen bleibt, nach dem Abendessen. Aber wenn es sein muss, kann ich heute auch um fünf statt um sechs Uhr bei der Tagesbetreuung sein. Denn der arme Zwerg kann ja nichts dafür, dass seine Mutter arbeiten geht!
Total stolz auf mich selbst – denn ich habe alles wunderbar hingekriegt mit der Arbeit – stehe ich also punkt 17 Uhr vor der Tür. Ich freue mich auf eine herzliche Umarmung der kleinen Drama-Königin und unsere Versöhnung. Doch stattdessen kassiere ich nur einen flüchtigen Blick aus dem Spielzimmer heraus. Die Zwergenprinzessin hat leider keine Zeit, mich zu begrüssen. Sie spielt grad so schön Monopoly und ist obendrein noch am gewinnen. „Oh nein, Mama! Du bist viel zu früh!“, ruft sie. „Kannst du nicht noch etwas einkaufen gehen und dann wieder kommen? Ich will jetzt nicht nach Hause!“ Na, das ist jetzt aber richtig blöd…

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September 2015

Stift und Papier

Episode 44

Handy, Computer, Tablet, Internet: gehört alles längst zum ganz normalen Leben. Ganz besonders für die Zwerge – was für mich manchmal noch immer schwer zu fassen ist. Telefon mit Wählscheibe? Schreibmaschine? Wecker, der auf dem Nachttisch tickt? Kamera, in die man einen Film einlegt? Das alles haben sie noch nie gesehen. Das ‚analoge Leben’ gibt es nicht mehr.
Dafür gibt es aber das Smartphone. Schon die Kleinsten der Kleinen wissen, wie man es entsperrt und die Kinder-App findet, die Mama oder Papa extra heruntergeladen haben. Und während ich noch völlig fasziniert auf den Bildschirm starre, wenn mich jemand über „Facetime“ anruft, und es lustig finde, meine Gesprächspartner nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, lässt das die Zwerge völlig kalt. Was ist denn so besonders daran, mit dem Götti auf dem Bildschirm zu plaudern, während er am anderen Ende der Welt ist? Das Handy kann ja sowieso alles. Man kann damit jeder Zeit und überall Musik hören, man kann Fotos und Videos machen (vor allem letzteres ist besonders beliebt), Filmchen schauen, Spiele spielen und Antworten auf alle möglichen Fragen finden. Wirklich alle.
Während meine Eltern noch zum 24-bändigen Lexikon griffen, um die Frage „Wie gross ist eigentlich ein Condor?“ zu beantworten, greife ich heute automatisch zum Handy und habe Sekunden später – Google sei dank – die exakte Antwort parat. Auch „Soll ich heute Gummistiefel anziehen?“ wird mit „Ich schau mal kurz“ und Blick auf die Wetter-App beantwortet. „Wann kommt Papa heute heim?“: Ich sehe im Kalender auf dem Handy nach. „Wie spät ist es?“: Ich aktiviere das Handydisplay. „Warum werfen wir kein Geld in den Billettautomaten?“: Weil ich das Ticket gerade online löse…
Wie weit das Phänomen tatsächlich geht, wurde mir erst gestern schlagartig bewusst, als ich eine denkwürdige Lektion erteilt bekam. Die Zwergenprinzessin langweilt sich gerade. „Darf ich dein Handy haben?“ fragt sie irgendwann. „Wozu?“, will ich eher pro Forma wissen, denn ich nehme an, sie möchte Musik hören. „Ich will schreiben üben“, antwortet sie trocken. Ich blicke sie erstaunt an. Sie geht gerade mal seit zwei Wochen in die erste Klasse… „Du willst mit dem Handy schreiben? Wie soll das denn gehen?“ – „Ganz einfach: ich drücke auf die Buchstaben, die ich sehe. Und oben gibt’s das Wort.“ Sie öffnet die Notizen-App, um es mir zu zeigen. „Siehst du, so geht das viel schneller“, erklärt sie stolz, während sie den Titel eines Kinderbuchs nachtippt – Buchstabe für Buchstabe. „Aber so lernst du ja eben nicht SCHREIBEN. Schreiben tut man auf Papier. Mit einem Stift“, erkläre ich etwas verstört aber bestimmt. Da sieht sie mich mit ernstem Blick an und entgegnet: „Mama, also ehrlich. Wann schreibst DU etwas mit Stift und Papier?“

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Leben und Tod

Episode 43

Buchsbaumzünsler sind widerlich. Aus meiner Perspektive zumindest. Nicht nur, weil ich eine gewisse Aversion gegen Insekten im Allgemeinen habe, sondern auch weil sie meinen Garten verwüsten. Die frechen Raupen nagen mir drei Mal jährlich die Buchsbäume kahl.
Buchsbaumzünsler sind hübsch. Das findet die Zwergenprinzessin. Die leuchtend grünen Raupen mit den lustigen schwarzen Punkten haben es ihr angetan. Sie ist jedes Mal ganz entzückt, wenn sie wieder geschlüpft sind und unsere Hecke bevölkern. Dann werden sie beobachtet, von einem Zweig zum anderen umgesiedelt („Hier haben sie mehr zu fressen.“), eingesammelt oder ins Haus gebracht („Mama, die kommen zu mir ins Zimmer, die sind soooo härzig!“). Sie haben mittlerweile sogar den Feuerwanzen, die auch mal ganz hoch im Kurs standen, den Rang abgelaufen. Geduldig bastelt sie Buchsbaumzünsler-Terrarien, bringt ihnen Futter und Wasser, erzählt ihnen Geschichten und führt sie spazieren.
„Was hast du gegen sie?“, fragt sie mich gestern, als ich angeekelt das Gesicht beim Anblick der Widerlinge auf ihrem Arm verziehe. „Ich mag keine Raupen. Und diese hier machen auch noch unsere Pflanzen kaputt“, antworte ich. „Aber sie können doch nichts dafür! Sie müssen doch etwas fressen!“ – „Ja, schon, aber es sind einfach zu viele. Die Pflanze hält das nicht aus.“ – „Da können sie aber nichts dafür!“ – „Ich weiss, aber ich mag meine Pflanze eben lieber. Ich will sie retten, die Buchsbaumzünsler müssen weg.“ – „Wie meinst du das?“ – „Sie müssen eben weg.“ – „Wohin?“ – „In den Abfall.“ – „Aber dort sterben sie! Nein! Das kannst du nicht tun!“ Die Zwergenprinzessin ist völlig entsetzt. In ihrem Blick steht: Du Mörderin!
Etwas ratlos versuche ich es anders herum: „Ja, findest du es etwa gut, dass wegen ihnen die Pflanze stirbt? Hat die kein Recht, zu überleben?“, frage ich ein wenig stolz über meinen argumentativen Trick. „Also Mama, ehrlich“, seufzt sie kopfschüttelnd, „das ist eine PFLAN-ZE! Die spürt doch nichts. Dann kaufst du eben eine neue.“ Na toll! Das Mitleid mit Pflanzen ist wohl nicht so ausgeprägt, wie ich gehofft hatte. Während wir also weiter über das Recht auf Leben diskutieren, stehe ich (ich gebe es zu: aus Reflex) auf eine am Boden kriechende Raupe und zerquetsche sie dabei. „Pass doch auf!“, schreit die kleine Tierschützerin empört und ich realisiere, dass ich in dieser Diskussion nur noch verlieren kann. Ich lasse sie wohl besser allein, während sie mein Opfer beerdigt.
Wie ich ihr jedoch erklären soll, dass morgen der Mann mit dem Insektengift vorbeikommt und ihnen allen den Garaus macht, weiss ich wirklich nicht. Ich glaube, dann werden die Raupen eben alle ganz schnell zu Schmetterlingen geworden und weggeflogen sein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ich Lügnerin. Und Mörderin! Früher war das irgendwie einfacher…

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August 2015

Wer sucht, der…

Episode 42

…findet. Wenn er Glück hat.
Seit die Zwerge unseren Haushalt erobert haben, ist das Suchen von Dingen eine meiner Hauptbeschäftigungen. Denn man kann nie sicher sein, dass die Dinge – auch wenn sie eigentlich ihren Plätz hätten – dort sind, wo man sie vermutet.
Das hat zum einen damit zu tun, dass Zwerge wahnsinnig gerne packen und verstauen. Jeder Gegenstand, der einen Hohlraum hat, hat eine magische Anziehungskraft auf sie und muss gefüllt werden. Ob Spielköfferchen, Kartonschachtel, Blumentopf oder Schublade. Sobald sie anfangen zu krabbeln, beschäftigen sie sich mit Vorliebe damit, alles mit Gegenständen zu füllen. Oder mit Sand, Keksen, Flüssigkeiten (macht offenbar besonders Spass) und was ihnen sonst noch in die Finger kommt. So lange sie noch so klein sind, dass sie nicht über einen Meter Höhe reichen, hält sich der Schaden noch in Grenzen. Alles, was gefährlich oder wertvoll ist, kann vor ihnen in Sicherheit gebracht werden. Sobald sie aber so weit sind, dass sie auf Stühle und Tische klettern können, mit Schlüsseln umgehen und Kindersicherungen austricksen können, ist es vorbei. Ab dem Punkt gibt es keinen sicheren Ort und, was noch schlimmer ist, kein Eigentum mehr. So verbringe ich regelmässig viel Zeit damit, meinen Schmuck, meine Bücher, Kosmetika oder Schuhe im ganzen Haus zu suchen. Meistens werde ich in Handtäschchen, Schubladen oder unter Betten fündig. Ab und zu brauche ich etwas mehr Fantasie und finde meine Sachen in Garage, Garten oder Dusche wieder. Nichts ist unmöglich.
Der andere Grund fürs Dauersuchen ist aber noch viel schlimmer: Multitasking. Die Dinge verschwinden nie so unkontrolliert, wie wenn ich versuche, sieben Dinge auf einmal aufzuräumen, nebenbei noch das Essen auf dem Herd unter Kontrolle und die Zwerge im Griff zu behalten. Wenn die Zeit davonläuft und der Aufgabenberg wächst und wenn die Hände das eine und die grauen Zellen etwas anderes tun. Dann landen Dinge an den unglaublichsten Orten und das Suchen erreicht eine neue Dimension der Verzweiflung. So fand ich gestern – nach einer Stunde – die für den ersten Schultag gekauften Turnschlappen in meinem eigenen Schuhschrank. Und das Handy – nach einer weiteren Stunde und einem Nervenzusammenbruch – im Kühlschrank. Glück muss man haben. Vor allem beim Suchen.

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August 2015

Alles ganz einfach

Episode 41

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, entfährt es mir heute Morgen. Die Zwergenprinzessin hat sich die Marmelade-Finger gerade am frisch angezogenen T-Shirt abgeputzt. „Das hast du vor fünf Minuten angezogen! Du kannst dich doch nicht schon beim Frühstück vollkleckern!“ Sie schweigt und sieht mich schuldbewusst an. Doch die Predigt ist noch nicht zu Ende – ich bin in Rage. „Wozu hast du denn eine Serviette? Glaubt ihr eigentlich, ich habe nichts anderes zu tun, als nur eure Wäsche zu waschen? Und sowieso: die Flecken gehen wahrscheinlich eh nicht mehr aus. Wirf das Shirt am besten direkt weg!“ Das sage ich natürlich nur, weil ich weiss, dass es eines ihrer liebsten Stücke ist.
Mit gesenktem Kopf macht sich die Zwergenprinzessin auf zu ihrem Zimmer, um sich umzuziehen. Ich atme tief durch. Da spricht’s plötzlich vom anderen Stuhl: „Nimm doch einfach Vanish Gold.“ Völlig von der Rolle blicke ich das Zwergelinchen an. „Was soll ich nehmen?“ Ich verstehe im ersten Moment wirklich nicht, was sie meint. „Vanish Gold. Das macht alle Flecken weg, wirklich alle“, erklärt sie mir ganz gelassen. „Ach, wirklich?“ frage ich amüsiert. Ich dachte immer, Vanish sei pink, aber offensichtlich ist der fünfjährige Zwerg da besser informiert. „Ja, ich habe es selbst gesehen! Der Mann im Fernsehen hat sich mit allem möglichen vollgekleckert und dann, mit Vanish Gold, war alles in dreissig Sekunden wieder weg. Es ist ehrlich ganz einfach!“. Ich nicke perplex. Ich bin offensichtlich eine doppelt schlechte Mutter: Kein Vanish Gold im Haus, dafür aber zwei fernsehmanipulierte Zwerge. Da muss ich wohl wieder etwas restriktiver mit der Fernbedienung umgehen.
Sind wir ehrlich: Dass auf dem Kinderkanal Werbung für Spielsachen läuft, kann ich ja nachvollziehen. „Mama, ich wünsche mir einen Furby, eine Turbokanone, einen Juicyfruitysqueezer (oder so ähnlich) und ein Elektromobil zum Geburtstag!“ – So ungefähr klingen die wöchentlich variierenden Konsumgelüste, die da von klein auf aktiviert werden. Aber Waschmittelwerbung für die Kleinen? Wieso das denn?
Keine Sekunde später habe ich die Antwort: „Also, wenn du es nicht hast, dann sag ich es dem Papa. Der schenkt es dir sicher zum Geburtstag“, tröstet mich das Zwergelinchen. Na bitte. Es funktioniert! Wäre doch gelacht, wenn die das Vanish Gold nicht auch noch in unseren Haushalt kriegen…

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Juli 2015

Süsses Blut

Episode 40

Sommer, Sonne, Strand. Die Zwerge im Glück. Es sind die Tage am Meer, auf die sie schon das ganze Jahr gewartet haben. Die Idylle wäre eigentlich perfekt, wären da nicht die Mücken. Die bringen sie nämlich ganz schön in Rage.
Egal, wie gründlich wir uns alle mit dem (vom Tropeninstitut empfohlenen!) Anti-Mücken-Spray imprägnieren und allen Citronella-Kerzen und Räucherstäbchen zum Trotz, fallen wir den lästigen Viechern jede Nacht aufs Neue zum Opfer. Beim Frühstück zählen wir dann jeweils die juckenden Stiche und jammern. Wen hat es in der Nacht am härtesten erwischt? Und jeden Morgen haben wir alle ein paar ganz besonders gemeine Stiche vorzuweisen – zum Beispiel auf der Stirne, der Fussohle, zwischen den Fingern oder – das Zwergelinchen ist noch immer sauer – mitten auf dem süssen kleinen Allerwertesten. Wir alle sind Opfer – ausser dem Zwergenvater. Wie durch ein Wunder bleibt er jedes Mal verschont und versteht die ganze Aufregung nicht; was die Zwergenfräulein natürlich ganz besonders ärgert.
„Weisst du, ich kapiere diese Mücken einfach nicht“, zetert das Zwergelinchen. „Papa ist der grösste von uns und hat auch am meisten Blut. Also müssten sie logischer Weise ihn stechen, dann hätten sie viel mehr davon! Sie könnten viiiiiel mehr trinken bei ihm. Aber die sind einfach zu blöd…“. Die Zwergenprinzessin quittiert die These mit einem resignierten Nicken. Sie denken angestrengt weiter nach, wie man das Phänomen erklären könnte. Da zuckt die Zwergenprinzessin zusammen. Sie hat einen Gedankenblitz: „Ich hab’s! Na logisch! Papa isst nie Dessert. Also ist sein Blut nicht so süss. Und du, du nimmst immer am meisten Schokolade“, erklärt sie der Schwester. „Also haben sie dich am liebsten. Du hast einfach viel zu süsses Blut! Ab heute kein Dessert mehr…“
Dass wir da nicht schon früher drauf gekommen sind!

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Juli 2015

Reisen

Episode 39

Wir gehören noch zu den altmodischen Familien, die mit dem Auto in die Sommerferien reisen. Den Kofferraum bis oben vollgepackt, die Zwerge eingepfercht zwischen Proviant und Gepäck, festgezurrt im 5-Punkte-Super-Sicherheitssitz, brechen wir jedes Jahr zur zehnstündigen Fahrt auf. Die Zeiten, als uns unsere Eltern noch bequeme Liegeflächen und Spielwiesen auf dem Rücksitzen einrichteten, sind ja bekanntlich vorbei. Der Sicherheit zu liebe. Den Eltern zu leide. Denn die grosse Kunst des In-die-Ferien-Fahrens besteht darin, die Zwerge während eines möglichst grossen Teils der Fahrt zum Schlafen zu bringen. Weil spätestens nach dem zwanzigsten Mal „Wie lang geht’s noch?“, die Nerven aller Beteiligten mehr oder weniger blank liegen.
Wir haben schon verschiedene Taktiken ausprobiert. Die naheliegendste ist, durch die Nacht zu fahren. Da gibt es allerdings zwei Schwierigkeiten. Die erste sind die oben erwähnten Kindersitze, die nicht wirklich zum Schlafen ausgelegt sind und die – wenn man Pech hat – dazu führen, dass der Zwerg die ganze Nacht hindurch quengelt statt schläft. Das zweite Problem ist der Tag danach. Denn wenn die Zwerge schön durchgeschlafen haben während der Fahrt, dann sind sie am nächsten Tag fit und nicht zu bremsen. Was dazu führt, dass wir, die uns mit fahren abgewechselt haben, völlig übernächtigt, mit roten Augen und am Rande des Nervenzusammenbruchs am Strand liegen und die Stunden zählen, bis der Tag endlich vorbei ist. Und uns gegenseitig davon abhalten, die quietschenden, tobenden und mit Sand umsichwerfenden Wesen höchstpersönlich zu ertränken. Nicht ideal.
Man kann die Reise auch in Etappen aufteilen und ein bis zwei Zwischenstationen mit Übernachtung einbauen. Dies verlängert zwar das Übel („Waaaas, müssen wir jetzt schon wieder ins Auto?“), macht es aber gleichzeitig aushaltbarer.
Das allerwichtigste ist aber, Beschäftigungsmöglichkeiten zu kreieren. Das können Hörspiele sein (nur blöd, wenn das Autoradio mitten im Kasperli den Geist aufgibt), Ausmal-Büchlein (nicht zu empfehlen bei kurvenreichen Strecken – Zwerge übergeben sich da noch gern), gemeinsames Liedersingen (hält aber auch nicht länger als dreissig Minuten hin) oder diverse Spielsachen.
Dieses Jahr habe ich die ideale Lösung gefunden: kleine portable DVD-Player! Perfekt! Wie im Flugzeug suchen sich die Zwerge je einen Film aus und wir verbringen die ersten Reisestunden in himmlischem Frieden. Bis die Akkus den Geist aufgeben. Eigentlich sollten die Geräte dann über die Zigarettenanzünder weiter betrieben werden können – doch das will (natürlich!) nicht so recht klappen. Also zurück zum „Wie lang geht’s nooooch?“-Terror. Alle zehn Minuten. „Mir ist soooo langweilig!“, jammert es von der Rückbank. „Langweile ist gut für euch!“, fauche ich irgendwann. „Das sagen Psychologen! Und jetzt beschäftigt euch mit eurer Fantasie!“ – „Wer sagt das?“ fragt die Zwergenprinzessin. „Psychologen“- „Wer ist das?“ – „Wichtige Leute, die immer recht haben.“ – „Die sind blöd“. Wunderbar. Dann nutzen wir also die Reisezeit, um die Persönlichkeitsentwicklung der Zwerge zu stärken. Nur blöd, dass wir da so dicht daneben sitzen müssen…

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Schon wieder nix verstanden!

Episode 38

Im Moment weiss ich wirklich nur noch eines, nämlich, dass ich nichts weiss. Beziehungsweise nichts verstehe – von Zwergen und ihrem Leben. Das haben sie mir diese Woche mehrmals erklärt. Beziehungsweise sie haben es versucht, doch bei jemandem, der so dermassen nichts versteht, wie ich, kamen sie natürlich ziemlich an ihre Grenzen. Arme Zwerge.

Da wäre zum Beispiel das Problem mit dem Playmobil-Ross. Das soll nämlich von der Lego-Frau geritten werden, doch die fällt immer wieder runter. „Mama, du musst mir dringend helfen!“, zitiert mich das Zwergelinchen in ihr Zimmer. „Du musst die Frau irgendwie da festmachen.“ – „Das geht nicht, sie passt nicht“, antworte ich, während ich krampfhaft versuche, die beiden Spielsachen irgendwie ineinander zu verkeilen. „Doch, doch, dass muss sein“, insistiert das Zwergelinchen. Also drücke und zerre ich weiter an den Spielsachen herum, bis ich auf die Idee komme, das Figürchen mit den Armen am Ross festzubinden. „Wow! Schau, ich habe es geschafft!“, rufe ich stolz. Genervter Blick vom Zwerg: „Nein, doch nicht so!“ – „Wieso nicht? Es hält doch!“, argumentiere ich. „Aber sie muss doch flliiiiiiegeeen!! Sie muss die Arme hochhalten, so!“ Sie zeigt mir, was sie meint. „Fliegen? Das muss sie jetzt ohne Arme. Anders geht es nicht“, entgegne ich. „Ach! Du verstehst aber auch gar nichts!“ kreischt sie und wirft Ross und Reiterin in die Ecke. „Geh wieder raus!“

Später packen wie die Tasche für den Schwimmkurs. „Nein, Mama, auf keinen Fall dieses Badetuch!“, höre ich diesmal die Zwergenprinzessin rufen. „Was ist denn damit? Es ist einfach nur gelb“, wundere ich mich. „Eben!“, antwortet sie, „Damit schäme ich mich.“ – „Wie bitte? Erstens schaut gar niemand auf unser Tuch und zweitens ist gar nichts drauf“ – „Eeeben!“ – „Wieso ist das ein Problem? Ich habe kein anderes, also kommt es mit!“, bestimme ich. „Ach, du verstehst gar nichts! Ich komme nicht mit!“ faucht sie und schlägt wütend die Türe zu.

Auch beim Znüni einpacken am nächsten Tag verstehe ich nichts. Ist doch klar, dass neben dem, was man eigentlich essen will, auch noch anderes in die Box muss – damit man etwas zum Tauschen hat. Wieso man aber tauschen muss, wenn man eh schon das hat, was man möchte, entzieht sich meinem Verstand. Doch Widerstand ist zwecklos: „Du verstehst das nicht, pack es einfach ein!“. Okay. Doch den Vogel habe ich wohl abgeschossen, als ich die Zwergenprinzessin gezwungen habe, nach Hause zu kommen, obwohl sie doch bei ihrem Freund zu Abend essen wollte. „Komm jetzt, ihr könnt morgen wieder abmachen“, versuche ich das weinende Wutbündel zu beruhigen. „Nein!“, faucht es. „Wir freuen uns, wenn du mit uns isst“, ergänze ich. „Aber ich nicht!“, faucht es. „Es gibt was Feines!“ Ich gebe nicht auf. Da setzt sie sich resigniert auf die Treppe, hält sich mit beiden Händen den hochroten Kopf und würdigt mich keines Blickes mehr. „Jetzt weiss ich, dass ich Eltern habe, die wirklich nichts von mir verstehen!“, höre ich sie seufzen.

Du liebe Güte! Und das mit sechs. Was mache ich erst, wenn die Pubertät kommt?

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Juni 2015

Listen und Fristen

Episode 37

Zwergenmamas, die im Berufsleben stehen, fürchten keinen Monat so sehr wie den Juni. Denn im Juni kommen die Stundenpläne, die Klassen- und Kindergartenzuteilungen ihrer Zwerge raus. Und die können – je nach dem – so einige unliebsame Konsequenzen für den Berufsalltag nach sich ziehen.

Dabei wären die Stundenpläne an sich gar nicht so problematisch, wären da nicht die vorgelagerten Anmeldefristen der Betreuungsinstitutionen, die es den Mamas und Papas erlauben, arbeiten zu gehen. Nehmen wir zum Beispiel die staatlich angebotenen Tagesstrukturen: Wer seinen Zwerg zur schulergänzenden Betreuung anmeldet, muss die gewünschten Zeiten bereits Monate voraus genau angeben, ohne zu wissen, wie der Stundenplan aussehen wird. Und ohne zu wissen, ob er die gewünschten Betreuungsmodule denn auch bekommen wird. Ein nachträgliches Verschieben der Betreuungszeiten ist zwar theoretisch und ausnahmsweise möglich, aber nur, wenn es der Platz erlaubt. Noch schlimmer wird es für alle, die mehrere Zwerge an verschiedenen Orten unterbringen müssen. Denn alle, die einen Zwerg in der Kita haben, wissen, dass auch hier alles früh geplant werden muss und die Plätze knapp sind. Da kann nicht einfach so mal ein Tag getauscht werden, nur weil der Kindergarten-Nachmittag nun doch auf den Donnerstag fällt, wenn der Zwerg eigentlich in der Kita wäre, oder weil die Schwester genau den anderen Tag bekommen hat! So bleibt vielen Zwergenmamas nur eines: Pokern und hoffen, dass am Schluss alles irgendwie aufgeht.

Sind die Stundenplan-Sorgen eher pragmatischer Natur, kommen bei den Zuteilungen auch noch Emotionen dazu. Mit wem wird der Zwerg in der neuen Klasse sein? Muss er sich von der besten Freundin trennen? Welche Kindergärtnerin hat der kleine Zwerg erwischt? Wer hat den gleichen Schulweg?

So wurde der Briefträger in Riehen wohl selten so sehnlich von so vielen Familien erwartet wie letzten Samstag. Denn er hatte die Antworten auf alle diese Fragen im Gepäck. „Mama, die Briefe sind daaaaa!“, höre ich die Zwergenprinzessin rufen. Nervös öffne ich sie beide. Als erstes checke ich die Nachmittage der Schwestern: Bingo! Wir haben Glück. Ich werde weder Verschiebungen beantragen, noch Rekurse starten, noch um Kulanz bitten oder auf die Barikaden steigen müssen. So weit, so gut. Dann suche ich sofort nach den Klassenlisten, während die Zwergenprinzessin schon hektisch am Ärmel zupft. „Sag schon, sag schon, bin ich in der 1a oder 1b?“, drängelt sie. „Du bist mit Lisa, Tim und Gabriel in der Klasse“, antworte ich ganz verzückt. „Ja, aber 1a oder 1b? A oder B?“ will sie wissen. „1b. Aber wieso?“ – „Gottseidank!“, ruft sie erleichtert. „Na, weil B ein viiiiiel schönerer Buchstabe ist als A!“. Natürlich. Den wichtigsten Aspekt hatte ich ja noch gar nicht berücksichtigt…

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Mai 2015

Frühlingsgefühle

Episode 36

Im Kindergarten geht es im Moment hoch her. Zumindest laut der Berichterstattung der Zwergenprinzessin. Denn jeden Abend führt sie Buch darüber, wer gerade in wen verliebt ist und hält alle Neuigkeiten schriftlich fest. Und da gibt es täglich viel zu notieren! Was für eine herrliche Aufregung…
Angefangen hat alles mit einem Kuss. „Weisst du, Mama, ich muss dir jetzt etwas erzählen, das wird dir gar nicht gefallen“, sagt sie mir neulich bedeutungsvoll. Ich zucke zusammen: Was könnte sie angestellt haben? „Ich bin heute geküsst worden“, fährt sie mit ernstem Blick fort und senkt den Kopf. „Waaaaas?“ jauchze ich erstaunt und kann mein Lachen nicht zurückhalten. „Von wem denn?“ Erleichtert darüber, dass ich das offenbar nicht schlimm sondern lustig finde, erzählt sie: „Vom Jan. Und der ist schon in der ersten Klasse!“. Ihre tiefroten Backen verraten das heimliche Vergnügen am skandalösen Sachverhalt. „Und was hast du dann gemacht?“ – „Nichts. Er ist ja gleich wieder davon gerannt“. Stimmt, ich beginne mich daran zu erinnern, dass das mit dem Küssen im Zwergenland ja nach ganz anderen Regeln läuft… „Und gefällt er dir denn auch?“, frage ich. „Ich weiss noch nicht, ich muss noch überlegen“.
Doch nicht nur bei Jan, auch bei anderen Zwergen scheint Amors Pfeil getroffen zu haben. „Also Anna ist total in Thomas verliebt und schreibt ihm immer Briefe mit Herzen. Aber er wirft sie dann weg, weil er das blöd findet. Und Petra wird dauernd vom Boris geküsst! Der ist ja sowas von verknallt! Dafür hat aber Petra Tim geküsst und zwar voll auf den Mund. Er fand das so eklig, dass er sich gleich waschen ging. Und Michi, den mussten wir richtig festhalten, damit Emily ihn endlich küssen kann…“. So – oder ähnlich – klingt jeweils die Zusammenfassung. Natürlich gibt es auch noch die heimlichen Zuneigungen: „Alle wissen, dass Christina Marc mag, aber sie will es ihm nicht sagen. Und als Boris das laut ausplauderte, hat sie ihn verhauen“. Klar, das geht natürlich nicht, sowas! „Gibt es denn auch zwei, die beide ineinander verliebt sind?“, frage ich. „Ja klar! Die erkennt man ganz leicht. Das sind die, die NIE miteinander spielen oder reden. Dann denken sie, niemand merkt es“. Logisch.
Während also der ganze Kindergarten in frühlingshaftem Aufruhr scheint, bleibt das Zwergelinchen noch völlig gelassen. Nicht einmal die dauernde Fragerei ihrer Schwester kann sie aus der Ruhe bringen: „In wen bist du eigentlich verknallt? Ben? Oder Juan?“. Zwergelinchen zuckt mit den Schultern: „In keinen“. „Irgendwen muss es doch aber geben!“, beharrt die Ältere. „Ok, dann ist es Charlotte“, gibt das Zwergelinchen nach. „Das geht nicht! Es muss ein Bub sein!“, entgegnet die Zwergenprinzessin. Jetzt wird es Zwergelinchen langsam zu viel. Wie aus der Pistole geschossen faucht sie: „Doch! Das geht. Frauen können Frauen heiraten. Und ich heirate Charlotte und Punkt!“. Wow. So kann man eine Diskussion auch beenden. Respekt!

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Gerechtigkeit

Episode 35

Gerechtigkeit ist im Zwergenland momentan ein wichtiges Thema – wenn nicht DAS Thema überhaupt. Alles muss gerecht sein: die Kuchenstücke gleich gross, die Geburtstagsgeschenke auch (ganz unabhängig von ihrem materiellen Wert), die Verpflichtungen gleich aufgeteilt, die Aufgaben gleich schwer. Dabei setzten Zwerge ihre ganz eigenen Gerechtigkeits-Massstäbe, die für uns mitunter etwas schwierig, wenn nicht gar völlig unmöglich nachzuvollziehen sind. Aber wir geben unser Bestes – denn wehe, wenn nicht!
Letzte Woche wurde die Fotografin im Kindergarten erwartet. „Mama, morgen erlaubst du mir aber, mein schönstes Kleid anzuziehen!“, droht mir die Zwergenprinzessin am Abend vorher. „Wir sollen uns alle ganz hübsch machen, hat die Kindergärtnerin gesagt.“ Obwohl ich etwas an dieser Aussage zweifle, wage ich nicht zu widersprechen. „Gut, du kannst anziehen, was du möchtest, aber nur morgen“, antworte ich. „Ich auch, ich auch! Ich will auch mein Sommerkleid morgen anziehen!“, jauchzt da das Zwergelinchen, das die Diskussion natürlich mitbekommen hat. „Ihr geht morgen mit der Kita in den Wald! Das geht doch nicht! Und es ist noch viel zu kalt“, entgegne ich bestimmt und bleibe hart. Was folgt, sind zwanzig Minuten Tränen, Kreischen, Stampfen und eine unglaublich wütendes Zwergelinchen: „Das ist ungerecht, ungerecht, ungerecht! Sie darf und ich nicht“. Sie hadert mit der Welt und kein erdenkliches Argument vermag sie zu beruhigen.
Bis heute Abend – eine Woche später – hat sie die Ungerechtigkeit noch nicht verdaut. Wir diskutieren also alles noch einmal durch und ich wiederhole mein Versprechen, dass sie nächstes Jahr, wenn sie im Kindergarten ist und die Fotografin kommt, ebenfalls ihr schönstes Kleid anziehen darf – bei jedem Wetter. Halbwegs beruhigt geht sie zu Bett.
Doch die Ruhe trügt. Fünf Minuten später – ich sitze gerade mit dem Laptop auf den Knien selber auf dem Bett und versuche die Arbeit, die ich am Nachmittag hätte erledigen sollen, noch termingerecht fertig zu bekommen – steht sie plötzlich neben mir. „Weisst du, es ist sowieso einfach ALLES ungerecht!“ – „Wieso? Was ist denn jetzt schon wieder?“ – „Wieso müssen wir immer ins Bett und schlafen? Und du darfst noch arbeiten und das Licht anhaben!“
Oh ja, glaub mir, mein liebes Zwergelinchen, das finde ich gerade auch ziemlich ungerecht…

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April 2014

Ein grosser Tag

Episode 34

Zwerge sind – vom Tag ihrer Geburt an – kleine Egoisten. Am Anfang ist das auch gut so, denn es ist nichts als reiner Überlebensinstinkt. Ein Säugling nimmt sich, was er kriegt und was er braucht. Das Hirn ist ausschliesslich damit beschäftigt, den noch so fragilen Körper am Leben zu halten. Dass da noch keine Ressourcen frei sind, um an die Menschen um sich herum zu denken, liegt auf der Hand und wir verzeihen es ihnen grosszügig.
Doch irgendwann ist dieses Stadium vorbei und die kleinen Würmchen mutieren zu sozialen Wesen. Und plötzlich sind sie darauf angewiesen, in Interaktion mit anderen Wesen zu treten. Dass das gar nicht so einfach ist, weiss jeder, der schon mal einen Streit zwischen zwei Einjährigen miterlebt hat, wenn sie sich mit vollem Körpereinsatz um ein Spielzeug prügeln. Das ist der Moment, wo für die Eltern die erste Etappe in der Egoismus-Bekämpfung ansteht: Das Teilen. Ihnen beibringen, dass das, was sie sich nehmen, für andere nicht mehr da ist. Und dass die anderen auch ein Ego haben und auch Dinge wollen. Das ist ein hartes Stück Arbeit.
Kaum hat sich das Teilen eingespielt, kommt der nächste Schritt: Rücksicht nehmen. Nein, man kann im Bus nicht lauthals herumschreien, weil es stört. Und wer einem Dreijährigen schon einmal erklären musste, dass er auf den Zoobesuch verzichten muss, weil die Schwester krank ist, weiss, dass Rücksicht und Verzicht zwei ganz grosse Herausforderungen sind für die kleinen Egoisten. Denn dass fremde Probleme plötzlich zu den eigenen werden sollen, ist nicht einfach zu verstehen.
So kämpfen sich Eltern Phase für Phase durch, erklären, drohen, diskutieren, bestimmen und bestrafen. Und das alles nur, um den natürlichen Egoismus ihrer Sprösslinge auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Und mit dem Ziel, sie zu liebenswerten Wesen zu machen.
Doch plötzlich, eines Tages, können sie ihr Ego selbst kontrollieren. Ohne Vorwarnung, ganz selbstverständlich. Heute ist so ein Tag: Das Zwergelinchen hat eine Geburtstageinladung erhalten, ihre allererste. Sonst ist es immer ihre grosse Schwester, die von Kindergartenfreunden zu Geburtstagen eingeladen wird. Doch das Zwergelinchen hatte bis jetzt noch keine ‚eigenen’ Freunde, die ihre eigene Gästeliste erstellen. Umso grösser ist ihr Stolz, als sie das Kärtchen überreicht bekommt. Als die Mutter des Geburtstagszwergs allerdings die Zwergenprinzessin daneben stehen sieht, fügt sie freundlich an: „Deine Schwester darf natürlich auch kommen!“. Doch diese antwortet überraschend: „Nein Danke“. Nanu? Ich bin irritiert. Wieso lässt sie sich freiwillig eine Party entgehen? Will sie etwa nicht mit kleineren feiern? Ist sie dafür schon zu cool? „Das war nicht gerade nett! Warum willst du denn nicht zum Fest?“ stelle ich sie wenig später zur Rede. „Weisst du, ich finde, meine Schwester soll das Fest ganz für sich alleine haben. Sie hat jetzt so lange gewartet und wenn ich eingeladen werde, darf sie ja auch nicht mit.“
Heute ist wirklich ein grosser Tag: Mein Zwerg beginnt seinen Egoismus von ganz allein zu regulieren. Wer hätte das jemals gedacht?

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Das leere Nest

Episode 33

Heute schlafen die Zwerge auswärts. Es ist erst das zweite Mal, dass sie das tun. Sie gehen zu meiner Freundin Tina, die sich für morgen ein Programm mit ihnen ausgedacht hat. Eigentlich hätte Tina bei uns schlafen sollen und morgen von hier aus zum Ausflug mit ihnen starten. Aber die Zwerge wollten es anders: Sie hatten regelrecht darum gebettelt, am Vorabend schon zu Tina gehen und bei ihr schlafen zu dürfen. Klar, so ist das Abenteuer noch grösser, ich verstehe schon. Und da ich morgen sowieso arbeiten und früh raus muss, ist der Plan eigentlich perfekt.
Doch nicht nur die Zwerge haben heute Abend etwas vor, auch ich bin verabredet. Während die Kleinen also emsig ihre Köfferchen packen und ich mich umziehe, schmiedet der Zwergenvater schon Pläne, wie er den Abend in himmlischem Frieden und mit uneingeschränkter Macht über die Fernbedienung verbringen könnte. Einen Horrorfilm mieten? Oder Champions League schauen? In Ruhe lesen? Beides? Alles? Wunderbar, die Möglichkeiten scheinen unerschöpflich. Alle sind glücklich.
Ein paar Stunden später, auf dem Nachhauseweg sehe ich mir im Tram die Fotos an, die mir die Zwergenbande aufs Handy geschickt hat: die Zwerglein beim Abendessen, beim Zähneputzen, beim Zubettgehen, froh und munter. Ich kann also völlig beruhigt sein, es geht ihnen wunderbar. Aber wieso ist da noch dieses andere Gefühl in der Magengegend? Habe ich etwa Zwergen-Weh anstatt sie Heimweh?
Oh wie schrecklich! Hatte ich mich nicht immer lustig gemacht über die Mütter, die jammern, wenn ihre Zwerge übers Wochenende weg sind oder sich darüber beklagen, dass sie schon „ausgeflogen“ sind? Ist doch toll, dachte ich immer, das heisst, sie sind selbstständig! Ist es nicht das, worauf wir sie die ganze Zeit vorbereiten? Ist das nicht das Ziel der ganzen Erziehungs-Übung? Müssen wir sie nicht schrittweise, vorausschauend dazu bringen, uns guten Gewissens eines Tages zu verlassen? Tja, so leicht wird die Sache vielleicht doch nicht… Würde auch ich etwa eine Mama sein, die dann ihr leeres Nest beklagt?
Zuhause angekommen, finde ich den Zwergenvater auf dem Sofa vor, wie erwartet. Doch irgend etwas stimmt an dem Bild nicht. Wo sind das zufriedene Grinsen und die totale Entspanntheit? „Ich habe das Empty-Nest-Syndrom!“ erwidert er ernüchtert auf meinen fragenden Blick, seufzt und legt gelangweilt die Fernbedienung zur Seite. So toll war der Abend allein zu Hause also auch nicht… Wir sehen uns an und lachen beide los. Ja, so kann man sich täuschen! Es ist eben nicht einfach, verlassen zu werden. Nicht nur als verliebter Teenager, auch als Eltern.

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Das Osterhasen-Dilemma

Episode 32

Vor einigen Wochen musste ich mir eine regelrechte Standpauke der Zwergenprinzessin anhören. Ich sei eine Lügnerin, schimpfte sie. Ich hätte immer vom Santiklaus und vom Osterhasen erzählt, aber die gäbe es ja gar nicht. Im ersten Moment dachte ich, es wäre alles lustig gemeint und wir würden beide gleich darüber lachen können, aber sie war richtig böse auf mich. Das Nachbarsmädchen – zwei Jahre älter – hatte sie aufgeklärt.

Es war also Zeit für ein ehrliches Gespräch. Ich gestehe meine jahrelange Lügerei und bestätige den schlimmen Verdacht: der Osterhase ist erfunden. „Und du hast immer die Eier im Garten versteckt, oder?“ – „Ja.“ – „Aber das ist fies! Wieso habt ihr uns Quatsch erzählt?“, der Betrug schmerzt so sehr, sie kriegt fast keine Luft mehr. Ich weiss nicht, was wohl schlimmer für sie ist: die Lüge der Eltern oder der Abschied vom Osterhasen. Jedenfalls ist das Vertrauen schwer erschüttert. Da ergreife ich die Gelegenheit und mache gleich reinen Tisch: Die Zahnfee, das Sandmännchen, der Santiklaus – sie alle müssen an dem Vormittag dran glauben.

„Aber wieso erfindet ihr überhaupt diese ganzen Sachen? Das sind Lügen!“, fängt sie wieder an. „Weil es doch so schön ist! Weil Kinder gerne an solche Dinge glauben“, versuche ich zu erklären. „Gut, dann sagen wir es meiner Schwester noch nicht“, beschliesst das plötzlich ganz erwachsene Zwerglein. „Dann hat sie noch Spass daran!“. Der Pakt ist geschlossen, die Diskussion vorläufig beendet und das Zwerglein ganz stolz, ein Geheimnis mit der Mama zu haben.

Bis sie mich gestern Abend dringend ins Zimmer ruft. „Schau, Mama! Ich habe meinen Zahn unters Bett gelegt!“. Es war wiedermal einer ausgefallen. „Nanu?“ Ich bin ganz verdattert, nein sogar richtig wütend. „Du weisst doch, dass es die Zahnfee gar nicht gibt! Das haben wir doch so lange diskutiert! Du warst doch ganz sauer, dass ich so etwas überhaupt erzählt hatte!“ Ein völlig aufgelöstes Zwerglein sieht mich mit wässerigen Augen an: „Aber… Also… Ich weiss nicht… Und wenn sie doch kommt?“. Da wage ich einen Blick unters Bett. Und sehe ein wahres Kunstwerk: der Zahn liegt auf einem Teller in einer winzigen Playmobil-Schatztruhe auf Watte gebettet, umgeben von Blümchen und mit Glitzerstaub dekoriert.

Ja, da kommt die Zahnfee ganz sicher noch vorbei. Und kommenden Sonntag mache mich besser ganz früh auf die Socken und schaue, dass der Osterhase nicht erwischt wird beim Eier verstecken!

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März 2015

Nichts als die Wahrheit…

Episode 31

Zwergelinchens Freundin ist zu Besuch. „Kannst du eigentlich schon schwimmen?“, fragt sie ganz nebenbei. „Naja, also…“, druckst Zwergelinchen herum, „… fast. Ein bisschen.“ Sie weiss, dass ihre Freundin in der Schwimmschule schon zwei Stufen weiter ist als sie. Nach einer kurzen Pause fügte sie an: „Aber letzte Woche bin ich vom Ein-Meter-Sprungbrett ins gaaaanz tiefe Wasser gesprungen im Kurs.“ Stille. Sie merkt, dass ich sie mit hochgezogener Augenbraue fixiere. Schuldbewusst fügt sie an: „Also okay, nicht vom Sprungbrett, aber vom Rand. Voll in die Tiefe und gaaaanz weit raus!“. Wäre ihre Freundin dabei gewesen, wüsste sie, dass ‚gaaaanz weit’ in diesem Fall ungefähr zehn Zentimeter bedeutet und ‚gesprungen’ eher so etwas wie auf dem Hintern über den Rand gerutscht. Und das alles auch erst, nachdem die Schwimmlehrerin fünf Minuten lang auf sie eingeredet hatte. Aber das spielt gar keine Rolle, denn während ich noch darüber nachdenke, wie es denn jetzt wirklich gewesen ist, sind die beiden schon längst beim nächsten Thema. Der todesmutige Sprung wurde von der Freundin akzeptiert und ist somit ab sofort wahr.

Das mit der „Wahrheit“ ist im Zwerge-Universum eine faszinierende Sache. Ich komme sogar langsam dahinter, wie sie funktioniert. Regel Nummer eins: Alles, was ein Zwerg erzählt, den du gern hast oder der älter ist als du, stimmt. Darum stimmt es auch, dass Lily einen richtigen Igel im Zimmer, ja sogar im Bett hat. Es stimmt einfach, weil es wahr ist. Regel Nummer zwei: Alles, was ein Zwerg erzählt, den du nicht magst, stimmt sicher nicht. Darum stimmt es auch nicht, dass Fabio erster beim Skirennen wurde. Geht ja gar nicht, denn Fabio ist doof. Regel Nummer drei: Wenn es um eine Situation geht, in der du dabei warst, kennst du die Wahrheit. Und zwar die einzige, alleinige und absolut richtige Wahrheit. Und die verteidigst du – wenn es sein muss – mit deinem Leben. Denn du weisst schliesslich, wie es wirklich war. Und wenn die anderen das nicht kapieren wollen, dann gibt es eben Streit. Und zwar richtigen! Bis die angestaute Energie draussen ist und ein neues Gesprächsthema gefunden ist.

Ich muss zugeben, das System funktioniert gar nicht schlecht. Die Zwerge leben wunderbar damit, umgeben sich mit den tollsten virtuellen Familienmitgliedern, Haustieren und Gegenständen, haben Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können, und geniessen so nicht nur ihre eigenen Fantasien, sondern auch die ihrer Freunde gleich mit.

Blöd wird es eigentlich nur, wenn Zwergen-Wahrheiten auf Eltern-Wahrheiten treffen. Beziehungsweise, wenn Eltern einfach alles kaputtmachen. Zum Beispiel als mein kleiner Bruder auf die Welt kam. Da bekam meine Freundin nämlich auch einen. Das war super: Wir konnten unser schweres Schicksal teilen – ihr Baby machte dieselben Probleme wie unseres! Schreien und sabbern und stinken und so… Bis es für inexistent erklärt wurde. Unsere Mütter hatten sich getroffen und sich herrlich über das erfundene Geschwisterlein meiner Freundin amüsiert. Dabei war es doch so schön gewesen…

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März 2015

Gut eingepackt?

Episode 30

Endlich! Der Frühling kommt. Ich freue mich. Denn so viele schöne Seiten der Winter auch hat, er hat eine unglaublich mühsame: Das tägliche Zwerge-Eingepacke. Die Prozedur kostet mich jeden Morgen gute zwanzig Minuten Zeit und verschlingt etwa gleich viel Energie wie eine Runde joggen.
Alles beginnt mit der Wahl der richtigen Hose. Das mag banal klingen, ist aber in Wirklichkeit die erste Knacknuss. Denn je nach dem, ob gerade Wald-, Turn- oder Ausflugstag in Kindergarten oder Krippe angesagt sind, muss die Beinbekleidung dementsprechend angepasst werden. Regnet es? Dann bitte dünne Regenhosen über die Jeans. Schliesslich sollen die Zwerge ja in der Pause im Matsch spielen können. Es schneit? Dann bitte Regenhosen über Thermohosen, sonst wird’s womöglich zu kalt. Waldtag im Januar? Bitte die Schneehose nicht vergessen – genauso wenig wie die Leggins, die Kniestrümpfe und die Moon Boots darunter. Die Kleinen gehen turnen? Ja keine Überhose und Knöpfe schon gar nicht! Man will ja nicht die letzte sein, die aus der Umkleide kommt. Bloss: was tun, wenn es am Turntag schneit? Keine Ahnung.
Hat man die richtige Hose schliesslich gefunden, muss man die kleinen Beinchen dann auch noch irgendwie in die Stiefel kriegen. Was meistens einiges schwieriger ist, als man vermuten könnte. Denn so warm, wasserdicht, atmungsfähig und ergonomisch ganzen Hi-Tech-Gore-Tex-Thinsulate-Zwergenstiefel auch sind – sie sind eine Qual zum Anziehen. Zumal sie ja – je nach Tag – über oder unter die ganzen Hosenschichten gepackt werden müssen. An diesem Punkt kommt auch immer der erste Schweissausbruch. Entweder beim Zwerg, der dummerweise die superwarme und superdicke Jacke schon vor den Stiefeln angezogen hat und bereits weichgekocht dasteht, oder bei mir, die seit fünf Minuten versucht, den Reisverschluss der Stiefel hochzukriegen, während sich der Zwerg an meinen Haaren festhält, um vom Gezerre nicht zu Boden gerissen zu werden.
Immerhin ist das Schlimmste danach überstanden. Es fehlen nur noch Kappe, Schal, Handschuhe (aber bitte wasserdicht!), Kindergarten-Streifen und Tasche. Ist das alles gefunden und montiert, können die Kleinen endlich raus. Zwar sehen sie aus wie Astronauten (und bewegen sich auch so) aber jetzt kann ihnen kein Wetter mehr etwas anhaben!
Da frage ich mich gerade, wie wir damals den Winter überleben konnten in unseren Wollhandschuhen, Stoffhosen und Lederstiefeln, die sich alle nach fünf Minuten Schneeballschlacht bereits mit Wasser vollsogen. Waren wir nicht furchtbar arme Geschöpfe? Oh nein. Denn es war einfach herrlich, sich die durchnässten Zehen und steifgefrorenen Finger zu Hause wieder warm massieren zu lassen…

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Februar 2015

Ich hätte nie gedacht, dass…

Episode 29

„Weisst du“, gestand mir heute eine Freundin, „ich hätte nie gedacht, dass auch mein Kind einmal sein Zvieri aus Beuteln schlürft“. Sie meinte damit die Fruchtpürees, die es neuerdings in Quetschbeuteln zu kaufen gibt und ohne die heute wohl kaum noch ein Zwerg aufwächst. „Als ich die zum ersten Mal im Einkaufsregal sah, fand ich sie einfach nur schrecklich. Ich dachte: wie kann man das seinem Kind nur zumuten?“ Dann fügte sie gelassen an: „Inzwischen isst meine kleine fünf pro Tag.“ Oh ja, dieses Gefühl kenne ich.
Ich hatte auch einmal eine Liste von Dingen, die ich meinen Zwergen eigentlich nie zumuten wollte. Zum Beispiel diese Doppelkinderwagen, in denen ein Zwerg unter dem anderen sitzt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich schockiert eine Mutter im Tram beobachtete, wie sie ihr Neugeborenes in der „Schublade“ unter ihrem anderen, oben sitzenden Zwerg verschwinden liess. Sonnenkind-Schattenkind-Wagen nannte ich diese Buggys heimlich. Ich würde diese Dinger nie fahren! Dachte ich zumindest – bis mein zweites Zwerglein zur Welt kam. Knappe drei Monate später war auch ich stolze Besitzerin eines solchen Wagens. Und es war mir dabei völlig egal, was andere davon halten würden.
Ich dachte auch immer, dass ich nie, aber auch wirklich nie zu den Müttern gehören würde, die die Breireste vom Lätzchen ihres Zwergs mit dem Löffel einsammeln und wieder zurück in seinen Mund stecken. Auch da hatte ich mich getäuscht.
Coca Cola, Nutella und Fertigpizza würden auch nie auf unserem Speiseplan stehen, genauso wenig, wie ich meine Zwerglein je bei McDonald’s verpflegen würde. Ja, klar….
Hätte mir mit Zwanzig jemand gesagt, ich würde einmal das wendige Coupé gegen einen Familien-Van eintauschen, hätte ich bloss gelacht. Und hätte ich damals auch schon gewusst, dass mir sogar die Kaugummireste in den Polstern meines zukünftigen Vans irgendwann egal sein würden, wäre mir das Lachen für immer vergangen.
„Ach weisst du“, tröstete ich meine Freundin, „ich habe auch immer gedacht, dass meine Kinder nie fernsehen würden!“ Das war, während der Schwangerschaft, wirklich eine meiner tiefsten Überzeugungen gewesen. Meine Zwerge sollten sich ausschliesslich mit Büchern, mit Musik, Kunst und Kultur beschäftigen! Ihre Fantasie entfalten, tanzen, Genies werden! Dachte ich mal. Bis mich die Realität unserer Zeit einholte. „Ja, das dachte ich auch immer!“, lachte meine Freundin. „Und jetzt kann ich es kaum erwarten, bis sie endlich fern sieht! Auch wenn dabei nur fünf Minuten Ruhe für mich herausspringen…“ Oh ja, dieses Gefühl kenne ich.

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Februar 2015

Wie man sich bettet…

Episode 28

Über das ‚richtige’ Schlafen gibt es tausend Theorien. Besonders unter Eltern wird das Thema gerne diskutiert. Und hitzig. Soll man Zwerge im elterlichen Bett schlafen lassen? Oder vielleicht nur kurz, bis sie eingeschlafen sind? Oder ist das Ehebett ganz und gar tabu? Die Varianten sind zahlreich, wohl so zahlreich wie die Familien, die sie vertreten. Was die einen als Nestwärme empfinden, ist für die anderen irritierend. Während die einen von ihrem boxenden Zwerg grün und blau geprügelt am nächsten Morgen aufstehen, haben die anderen eine wunderbare Nacht zu viert im Bett verbracht. Ich habe es längst aufgegeben, eine Theorie zu vertreten, geschweige denn eine Praxis durchsetzen zu wollen.

Denn Fakt ist – und das ist wohl den wenigsten Eltern bewusst – dass wir über den Familien-Schlafmodus gar nicht selber entscheiden. Oder vielleicht höchstens phasenweise, um dann einige Wochen später doch wieder alles anders zu machen als geplant. Denn darüber, wer wo schläft, entscheiden letztlich immer die Zwerge. Es gibt beispielsweise Zwerge, denen fällt es gar nicht ein, im Bett der Eltern zu schlafen. Das Zwergelinchen ist so ein Fall. Sie findet es am Schönsten, in ihrem eigenen Zimmer und in ihrem eigenen Bett. Alles andere ist ihr zu eng, zu heiss und zu übergriffig. Wäre sie unser einziger Zwerg, wären wir selbstverständlich Eltern der Unser-Bett-ist-uns-heilig-Fraktion. Doch da ist ja noch unsere Zwergenprinzessin, die diesbezüglich ganz anders tickt. Da ist jeder Widerstand zwecklos. Und wenn ich etwas in den vergangenen sechs Jahren gelernt habe, dann dass Schlafentzug eine verdammt wirkungsvolle Waffe ist.

Doch wer denkt, dass die Familienbett-Frage nur unter Eltern diskutiert wird, täuscht sich. Auch unter Zwergen wird das Thema behandelt. Wie das klingt, habe ich heute mitgekriegt, als der Nachbarsjunge zu Besuch war: Die Zwergenprinzessin und ihr Freund stehen in unserem Schlafzimmer. „Wo schläft dein Papa, links oder rechts?“ höre ich ihn fragen. „Hier“, die Zwergenprinzessin zeigt auf die rechte Seite. „Und deine Mama?“ – „Hier.“ Sie zeigt auf die linke Seite. „Und wer schläft in der Mitte?“ fragt der Kleine ganz selbstverständlich, als hätte jedes Ehebett eigentlich drei Plätze. „Ich“, kichert die Prinzessin. „Eigentlich fast irgendwie immer“, fügt sie etwas zögerlich hinzu. „Ach, ich auch“, antwortet der Kleine gelassen, „Ich finde das sowieso am besten so.“ – „Ja, oder? Auch wenn sich die Eltern dann nerven…“ – „Ja, meine auch“ – „Ich mache es trotzdem“ – „Ja, ich auch. Ich kann sonst nicht einschlafen“. Ein verständnisvolles „Mhm“ von der Zwergenprinzessin. Das Thema wäre also geklärt.

Und ich brauche unsere Nachbarn gar nicht zu fragen, wie sie sich – theoretisch – zu der Familienbett-Frage stellen. Denn wie ihre Nächte aussehen, weiss ich jetzt…

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Januar 2015

Sammeln, sammeln, sammeln…

Episode 27

Unsere Zwerge lieben nichts so sehr, wie Dinge zu sammeln und aufzubewahren. Steine vom Spaziergang, Schneckenhäuser aus dem Garten (mit und ohne Schnecken drin), Blumen von der Wiese, Muscheln vom Strand, Zuckersäckchen aus dem Restaurant – die Liste ist unendlich. Die Sammlungen, die so entstehen, werden sorgfältig gehütet und meist an einem ‚geheimen’ Ort im Zwergenbau versteckt. Denn die kleinen wissen: Mama ist meistens nicht so begeistert von ihrer Sammelwut, besonders wenn es sich um verderbliche Sachen handelt wie Beeren, Blüten oder Insekten (ich erinnere mich an die Ameisenfarm in der Schuhschachtel, die Zwergelinchen letztes Jahr unbedingt halten wollte).
Diesen Hang zum unendlichen Sammeln – es scheint nicht nur unseren Zwergen so zu gehen – hat inzwischen ja auch der Detailhandel entdeckt. Jede Woche startet irgendwo in einem Supermarkt eine neue Sammel-Mania. Ob mit Disney-Stickern, Figürchen, Nanos, Dinos oder Captor-Magneten – die Geschäfte wissen, wie sie der Sammelsucht hilflos ausgelieferte Eltern an ihre Kassen locken. Wir hatten sie alle.
Doch es braucht gar keine künstlichen Anreize, um die Zwerge zu ausgefallenen Kollektionen zu inspirieren. So kam vor kurzem die Zwergenprinzessin mit der Kindsgi-Tasche voller Papierschnipsel nach Hause. In allen Farben und Formen quollen sie aus dem kleinen Täschchen. „Was hast du denn jetzt wieder mitgebracht?“ frage ich. „Schnipsel, gaaaanz viele!“ antwortet sie stolz. Auf die Frage, woher sie die denn hat, erklärt sie: „Aus dem Abfalleimer im Kindergarten. Wir haben heute Scherenschnitte gemacht.“ Sie strahlt. „Und stell dir vor, die Lehrerin wollte die wegwerfen! Alle diese schönen Schnipsel… Da habe ich sie eben wieder rausgeholt“ – „Was willst du denn mit denen?“ – „Ja basteln, natürlich, die kann man alle noch brauchen!“. Na toll. Ich weiss schon, dass es keinen Sinn macht, zu widersprechen. Der Schnipselberg würde dann einfach ein paar Tage später entsorgt, wenn die nächste Sammlung aktuell wird. Wie immer.
Den Höhepunkt der Sammel-Absurdität erreichten wir aber heute, als es ums Baden ging. Während ich das Wasser in die Wanne einlaufen lasse, beobachten die Zwerglein gespannt, sie es sich erst violett, dann blau verfärbt. Sie haben ganz tolle Badeperlen bekommen, die das können. Die beiden sind ganz verzückt – so etwas Tolles! Da dreht sich die Zwergenprinzessin um und holt eine leere Flasche aus der Küche. „Was willst du damit?“, frage ich. „Na, das Wasser aufbewahren, wenn wir fertig sind! So schönes blaues Wasser lasse ich sicher nicht im Ablauf verschwinden!“. Oh je, muss ich mir langsam doch Sorgen machen?

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Dezember 2014

Partytime!

Episode 26

Dezember ist ein sehr komplizierter Monat.
So viele Feste, Bräuche und Rituale und dann noch garniert mit Süssigkeiten, Kerzen, Lichterketten und Geschenken! Da verliert man als Zwerg schon mal den Überblick…

Als erstes kommt der Samichlaus. Und mit ihm das Durcheinander. Denn so einfach die Geschichte auch wäre, ist die Umsetzung des Brauchs inzwischen schwierig. Wie erklärt man den kleinen spitzfindigen Schlaumeiern, dass der, den sie gerade im Einkaufszentrum gesehen haben, der gleiche ist, wie der, der am Morgen im Kindsgi war, und auch der, der soeben im Nachbarshaus verschwunden ist? Und wieso haben sie alle verschiedene Kappen? Und halt! Wieso laufen da vorne gleich zwei?? Nachdem wir letztes Jahr am 6. Dezember unterwegs sieben Nikoläuse gesehen haben und ich in echte Erklärungsnot geraten war, sind wir dieses Jahr daheim geblieben. Und der Nikolaus hat ganz brav ein Säckchen und einen pädagogisch wertvollen Brief vor der Tür gelassen. Das war gut.

Doch je näher das Weihnachtsfest rückt, desto gedrängter die Attraktionen, die es vorbereiten: Adventssingen, Krippenspiele, Weihnachtmärkte, Kerzenziehen, Geschenkebasteln, Gutzibacken, Kärtchenschreiben. Der Marathon ist hart. Und wieso eigentlich das Ganze?

„Weil das Josekind geboren ist“, erklärt mir das Zwergelinchen. „Wer ist geboren?“ frage ich amüsiert. „Na das Kind vom Josef, natürlich. Das Josekind!“. Gut, bei ihr ist also alles klar. Bei der Zwergenprinzessin schon weniger: Sie hat nämlich im Kindergarten gelernt, dass an Weihnachten nicht alle den Geburtstag vom Jesuskind feiern und nicht bei jedem das Christkind die Geschenke bringt, sondern vielleicht auch der Samichlaus (bitte, nicht schon wieder!) oder auch gar niemand, weil vielleicht auch nicht jeder an den Gott glaubt und der wäre ja der Vater vom Jesus, obwohl es ja auch noch den Josef gibt. „Und sowieso, das Jesuskind haben sie dann umgebracht und das feiern wir an Ostern“, weiss sie. Schluck. Doch solange es bei uns Geschenke gibt, ist alles in Ordnung. Endlich Weihnachten! Wundervoll.

Doch dann kommt Silvester. Einfach so und ohne Vorwarnung. „Mama, was feiern wir denn jetzt?“ – „Das neue Jahr.“ – „Was ist das?“ – „Ja eben ein neues Jahr, das beginnt…“, ich merke schon, das wird nichts. „Dann ist wieder Januar…“ Verwirrte Gesichter. „Gibt’s Geschenke?“ – „Nein“ – „Wieso feiern wir dann? Silvester ist blöd.“ Ich resigniere langsam. Der letzte Strohhalm: „Aber wir zünden Tischbomben!“- „Juhuiii! Silvester ist toll!“. Na bitte. Ein gutes Neues Jahr!

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Dezember 2014

Vier Stiche für eine Pirouette

Episode 25
Es ist ein Freitagabend wie jeder andere. Wir essen zu Abend, plaudern und lassen den Tag Revue passieren. Zwergenpapa und -mama freuen sich auf ein erholsames Wochenende, die Zwerge aufs Ausschlafen. „Weisst du, was ich heute geübt habe?“ fragt das Fräulein Zwerg und rückt ihren Stuhl vom Tisch. „Eine Pirouette mit Sprung!“ verkündet sie stolz. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Purzelbäume, Spagate (oder zumindest Versuche davon) und ‚Pirouetten’ demonstriert bekommen. Ich gebe ein routiniertes „Ah, toll, zeig mal“ zur Antwort ohne wirklich den Blick vom Teller zu nehmen, während sich die Ballerina in Position bringt. Darum verpasse ich – genauso wie der Zwergenvater – das eigentliche Kunststück und schrecke erst auf, als ich den Aufprall höre. Es ist ein schrecklicher Knall. Er geht durch Mark und Bein und wir wissen beide sofort: Jetzt ist wirklich etwas passiert. Etwas Schlimmes.
Was folgt, ist Chaos. Die Zwerge schreien (einer vor Schmerz, der andere vor Schreck), der Vater steht schon in der Jacke, während ich nicht wahrhaben will, dass jetzt ein Spitalbesuch angesagt ist. Nach ein paar Minuten haben wir uns alle wieder gefangen. Der Blutfluss ist gestoppt und ich bin mit dem schluchzenden Zwerglein und seinem aufgeschlagenen Kinn auf dem Weg zur Notfallstation. „Alles wird gut“, rede ich mir heimlich zu.
Zwei Stunden und vier Nahtstiche später sitzen wir auch schon wieder im Auto. Abgesehen von einer unbedeutenden Narbe sind keine bleibenden Schäden zu befürchten. Und während ich darüber nachgrüble, wie es eigentlich passieren kann, dass aus der banalsten plötzlich eine brenzlige Situation wird (schliesslich waren wir weder Rollerbladen, noch Eiskunstlaufen – wir waren doch einfach nur beim Abendessen!!), geniesst das Zwerglein die Entspannung, die ihr die Betäubung der Wunde beschert hat. „Weißt du Mama, es ist schon lustig“, sagt sie plötzlich, „auf dem Hinweg hatte ich noch solche Angst. Und jetzt, auf dem Rückweg, finde ich es eigentlich irgendwie cool“. Ja, da werden die Kindergartenkameraden grosse Augen machen, bei dem Verband…
So plötzlich der Schreck über uns gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Und irgendwie ahne ich, dass dieser Abend unter dem Titel „Vier Stiche für eine Pirouette“ in die familiäre Anekdotensammlung eingehen wird.
Glück, sehr viel Glück gehabt!

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November 2014

Ich will…

Episode 24

Zwerge wollen alles. Jetzt, sofort. Und aus den wunderbarsten, unglaublichsten und absurdesten Gründen. So ergeben sich manchmal ziemlich denkwürdige Konversationen aus Sätzen, die mit „Ich will!“ beginnen. Oder sie lassen einen einfach sprachlos stehen.

Die Top-Ten der herrlichsten Ich-will-Sätze:

  1. „Ich will auch Haare an den Beinen!“ – „Keine Sorge, die kommen noch.“ – „Wann?“ – „Später.“ – „Ach, wieso ist immer alles Tolle später?“
  2. „Ich will auch in die Lungoperdie!“ – „Wohin?“ – „Lun-go-per-die!!“ – „Meinst du etwa Logopädie? Da musst du nicht hin, nur wenn es die Kindergärtnerin sagt.“ – „Aber ich will!“ – „Das geht nicht, wenn du es gar nicht brauchst.“ – „So fies! David darf auch…“
  3. „Ich will in die Krippe!“ – „Das geht nicht, heute ist Sonntag.“ – „Aber ich will! Daheim ist es langweilig.“
  4. „Ich will heute nicht in die Krippe!“ – „Wieso nicht?“ – „Krippe ist blöd.“
  5. „Ich will, dass wir immer Ferien haben!“ – „Ich auch.“ – „Dann sag es doch endlich deinem Chef!“
  6. „Ich will zum Coiffeur!“ – „Willst du dir die Haare schneiden lassen?“ – „Nein, sie soll sie endlich lang machen!“
  7. „Ich will auch Ohrenweh!“ – „Bist du verrückt? Wieso?“ – „Dann darf ich auch auf dem Sofa liegen und Fernsehen.“
  8. „Ich will einen Jokertag[1] nehmen!“ – „Aber du gehst doch gern in den Kindergarten…“ – „Ja.“ – „Was willst du also an dem Tag anderes machen?“ – „Weiss nicht.“ – „Warum willst du ihn dann?“ – „Einfach. Die anderen nehmen ihn auch.“
  9. „Ich will mit dieser Zahnbürste nicht Zähne putzen!“ – „Wieso nicht?“ – „Sie ist grün.“ – „Ja und?“ – „Ja, dann ist sie logischerweise für Buben!“
  10. „Ich will einmal 18 Kinder und 22 Katzen haben.“ Kein Kommentar…

[1] Tag, an dem man ohne Begründung schulfrei nehmen kann.

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November 2014

Und wo war ich so lange?

Episode 23

In letzter Zeit treiben schwerwiegende Fragen die Zwerge um. Fragen wie: „Was passiert eigentlich, wenn man stirbt?“, „Wie kann man einfach nicht mehr sein?“, „Und warum ist der Körper dann noch da?“. Doch nicht nur das mögliche Ende ihres Lebens beschäftigt die Zwerglein zunehmend, sondern auch der Anfang: „Wie wird man eigentlich geboren?“, „Und wer bestimmt den Zeitpunkt?“, „Stirbt man automatisch früher, wenn man früher geboren wurde?“ Auf alle diese Fragen konnten wir gemeinsam mehr oder weniger befriedigende Antworten finden. Nicht alle waren erfreulich, aber zumindest akzeptabel.

Doch bei einer Frage blieben wir hängen. Kein Wunder, denn es ist wohl – nicht nur im Zwergenland – die Frage aller Fragen: „Woher komme ich eigentlich?“ Was im ersten Moment einfach zu erklären scheint, entpuppt sich im zweiten als Knacknuss. Denn wäre es den Zwerglein nur um die biologische Frage nach ihrer Zeugung gegangen, hätte ich liebend gern in den sauren Apfel gebissen, den Storch zum Teufel geschickt und die Bienchen und die Blümchen beim Namen genannt. Doch darum ging es den beiden gar nicht. Was sie wissen wollten, war, wo sie waren, bevor sie in Mamas Bauch kamen. Denn die Vorstellung, dass es sie vorher einfach gar nicht gab, konnten sie nicht annehmen.

Da erinnerte ich mich an die Geschichte, die ich von meinen Eltern zu dem Thema erzählt bekommen hatte, nämlich dass die ungeborenen Zwerglein als Sterne im Universum leuchten und dort warten, bis es Zeit wird, zu den ihnen vorbestimmten Eltern zu ‚fliegen’. Ich konnte damals gut mit dieser Vorstellung leben. Und es schien, als wäre sie auch für die Zwergenprinzessinnen okay. Vorerst.

Wir wandten uns also wieder einfacheren Themen zu, wie: „Wie war meine Geburt?“. Ich erzählte und die Zwerge sogen die gruslig-schönen Informationen genüsslich auf.

Als das Zwergelinchen und ich dann vor kurzem alleine zu Hause waren, merkte ich schon, dass sie etwas beschäftigte. Die Ungerechtigkeit, dass sie zwei Jahre nach ihrer Schwester geboren wurde und damit für immer und ewig die jüngere sein würde, fand sie ganz schlimm. Das wusste ich bereits. Aber was war da noch im Busch? Da kam sie mit ernstem Blick auf mich zu und sagte: „Mama, als ihr meine Schwester damals aus dem Bauch geholt habt, wie konntet ihr mich noch so lange da drin lassen? Ich hoffe, der Doktor hat wenigstens aufgepasst, dass er mir nicht weh tut mit dem Messer…“ – „Aber Schatz, um Himmels Willen, du warst doch damals noch gar nicht dort!“ – „Wo denn dann????“

Das mit den Sternlein hat also nicht wirklich funktioniert. Dann versuchen wir es eben wieder mit dem ‚Nirgends’, aber die Erfolgschancen sind gering…

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Zwei Herzen in einer Brust

Episode 22

„Mama, ich will Flöte spielen!“, eröffnet mir vor kurzem die Zwergenprinzessin. „Wie kommst du denn auf diese Idee?“, frage ich erstaunt. Wir hatten noch nie über Musikunterricht gesprochen. Kreativer Kindertanz, ja. Schwimmkurs, Pfadi, und Schlittschuhlaufen: check. Die Zwergenprinzessin ist mit fünf Jahren schon ein vielbeschäftigtes Persönchen. Jetzt auch noch Flöte? Hat sie denn nie genug? „Du machst doch schon so viel…“, versuche ich einzuwenden, „und Instrumente lernt man spielen, wenn man in die Schule geht.“ – „Nein, ich will jetzt! Und sowieso stimmt das nicht: Anna spielt auch Flöte und ist mit mir im Kindergarten.“ Aha, jetzt weiss ich wenigstens, woher der Wind weht. „Geht Anna denn in die Flötenstunde oder spielt sie einfach so?“ – „Sie geht in die Stunde. Und ich will auch!“ Ich runzle die Stirn und blicke ihr tief in die Augen. „Ehrlich, frag doch ihre Mama! Ruf sie an und frag sie gleich, wo die Flötenstunde ist. Und da will ich dann auch hin.“ Hui, da ist jemand aber entschlossen. Die Sache muss offensichtlich schon ein Weilchen herumschwirren in dem sturen kleinen Köpfchen. Ich reisse ein hartes Ablenkungsmanöver und hoffe, dass morgen alles wieder vergessen ist.

Ist es natürlich nicht. Weder am nächsten Tag noch nach einer Woche. Also rufe ich irgendwann Annas Mama an. Dabei stellt sich zwar heraus, dass Anna Geige und nicht Flöte spielt, aber dass sie darin Unterricht bekommt, stimmt. Und siehe da, nach ein paar Recherchen erwacht die Tiger-Mom auch in mir. Offensichtlich geniessen Zwerge heutzutage selbstverständlich instrumentale Früherziehung, denn das Angebot ist gross. Warum es also meiner Draufgängerin vorenthalten? Sie soll ihre Chance bekommen, beschliesse ich. Doch sie muss etwas anderes aus dem Programm streichen. Sonst droht der Kollaps.

Als ich ihr die Sachlage erkläre, ist sie hin- und hergerissen. Endlich rückt die Flöte in greifbare Nähe – doch etwas anderes dafür aufgeben? Schwierig. Schrecklich. Gedankenversunken liegt sie auf dem Sofa. Ich kann sehen, wie das Köpfchen raucht vor Anstrengung. Endlich sagt sie etwas: „Weisst du, es macht alles so viel Spass… und… “. Stille. Sie überlegt wieder. Nach einer langen Pause dann: „Also eigentlich ist es zu Hause ja am allerschönsten. Hier, bei dir…“ – „Wie bitte?!? Wie meinst du das?“ – „Ja, einfach nur zu Hause sein…“ Meine Güte! Das Dilemma hat also noch eine ganz andere Tragweite. Wenn man doch bloss die Welt erkunden, erleben, ja erobern könnte, ohne jemals Mamas Schoss zu verlassen… Haben wir uns das nicht alle gewünscht? Ich bin so perplex, ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. Muss ich auch nicht. Denn da steht sie schon wieder auf, postiert sich vor mich und beschliesst: „Flöte ja, Schwimmen nein. Ok, Mama?“ So sei es. Das Zwerglein hat gesprochen.

PS: Und wenn sie einfach mal zu Hause bleiben möchte, dann ist das auch okay…

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Oktober 2014

Wenn der Globi kommt

Episode 21

Familienfreundliche Hotels, die neben Hochstühlen und Spielzimmern auch noch Zwergenbetreuung anbieten, sind eine tolle Erfindung. Besonders dann, wenn es sich um eine diskrete Form der Zwergenfreundlichkeit handelt. Während es in reinen Kinderhotels auch mal zu viel des Guten werden kann (wenn man das Gefühl hat, seine Ferien in der KiTa zu verbringen), sind die Hotels, die eine gute Mischung hinbekommen, genau richtig. Oder vielleicht sogar zu gut?

Letzte Woche sitzen wir mit den Zwergenprinzessinnen in so einem Hotel beim Frühstück und besprechen die Pläne für den Tag. Die Wetterprognose hat versprochen, dass sich der Nebel auf den Mittag hin lichten soll und ein wunderbarer Herbsttag auf uns wartet. Ein idealer Nachmittag, um eine kleine Wanderung zu unternehmen! Ich habe recherchiert: es gibt zahlreiche Spazierwege in der Gegend, die speziell auf Zwerge ausgerichtet sind – wer in der Tourismusbranche mithalten will, der baut offenbar nicht nur familienfreundliche Hotels, sondern auch jede Menge familienfreundliche Wanderwege, Entdecker-Pfade, Streichelzoos und Seilparks. „Na, wie wäre es mit einer Wanderung durch den Zauberwald? Da kann man Schätze suchen und Aufgaben lösen unterwegs“, starte ich meine Werbeaktion fürs Nachmittagsprogramm. „Ja!“, die kleinen sind einverstanden. Doch vorher wollen sie spielen gehen. Der hoteleigene ‚Kidsclub’ hat es ihnen angetan. Erstens werden die Freunde, die sie gestern gefunden haben, auch dort sein und zweitens ist da die nette Betreuerin (Zitat: „Die ist sooo nett. Die kennt kein Nein! Die liest ein Buch nach dem anderen vor! Nicht so wie du, Mama…“). Ein kurzer Blick aus dem Fenster ins trübe Nass genügt, um den Zwergenvater und mich zu überzeugen. Es ist der perfekte Plan.

Kurz vor Mittag stehe ich, die Jäckchen und Turnschuhe in der Hand, vorfreudig auf das gemeinsame Abenteuer im Zauberwald, vor dem ‚Kidsclub’. „Oh nein, Mama, wir können jetzt nicht weg“, schlägt es mir entgegen. „Wieso, was ist den los?“ frage ich erstaunt. „Der Globi kommt eben gleich! Er kommt wirklich! Und dann geht er mit uns auf den Spielplatz!“, die Stimme der Zwergenprinzessin droht zu überschlagen vor Aufregung. Das Zwergelinchen doppelt nach: „Und er kommt nur heute! Nur heute! Morgen nicht“. Ich blicke fragend zur Betreuerin. Die zuckt nur entschuldigend mit den Schultern: „Ja, wissen sie, Mittwoch ist hier immer Globi-Tag. Die Kinder lieben das“. Ja, da hat sie recht. Und gegen den Globi komme ich heute nicht an, das merke ich sofort. Was nun? Perplex stehe ich im Flur. Da kommt die Zwergenprinzessin auf mich zu, nimmt fürsorglich meine Hand, streichelt sie und spricht: „Aber Mama, ihr könnt doch eure Wanderung auch ohne uns machen. Es ist sicher ganz toll im Zauberwald!“. Recht geschieht es mir – wer seine Kinder sogar in den Familienferien abgibt, der soll gefälligst selber den Schatz im Zauberwald suchen! Und das soll familienfreundlich sein?

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Der Sandmann und das Krokodil

Episode 20
Schlafen ist im Zwergenland sehr unbeliebt. Wieso, ist mir ein Rätsel. Ich kenne nichts Schöneres, als müde ins Bett zu fallen und einfach einzuschlafen. Doch die Zwergenprinzessinnen sind da ganz anderer Meinung. Es ist, als würde man mit den Worten: „Jetzt ab ins Bett!“ die schlimmste aller Strafen über sie verhängen.
Was haben wir uns nicht schon für Rituale ausgedacht, Strategien und Täuschungsmanöver, um die verhasste Notwendigkeit leichter über die Bühne zu bringen. Doch der Widerstand wurde nie gebrochen.
Früher, als es noch Gitterbettchen in den Zwergenzimmern gab, war die Sache zwar nicht unbedingt einfacher, doch immerhin räumlich begrenzt. Waren die Zwerge mal Bett, blieben sie auch dort – ob sie wollten oder nicht. Und meist war nach der zwanzigsten Repetition von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ und „La Le Lu“ irgendwann Feierabend, falls man nicht selber gleich mit eingeschlafen war.
Doch seit sich die Zwerge frei bewegen können, ist das anders. Denn immer dann, wenn das Licht gelöscht werden soll, haben sie unbedingt noch etwas unglaublich wichtiges zu erledigen. Oder zu erzählen. Und dazu müssen sie natürlich noch einmal aufstehen.
Liegen die Zwerge dann endlich wieder im Bett, ist die Sache auch noch nicht unbedingt ausgestanden. Denn dann kommen die Fantasie-Besucher. Manchmal sind sie nett, zum Beispiel, wenn eine Fee vorbeischaut. Doch manchmal sind sie böse, wie zum Beispiel das Krokodil, das durch die Kloschüssel kommt. Oder der Wolf, der plötzlich im Zimmer steht, oder die Spinnen, die sich aus dem Muster der Bettdecke formen und dann überall herumkrabbeln. Ich gestehe, in deren Gesellschaft könnte ich auch nicht einschlafen.
Das verflixte ist aber, dass die ungebetenen Gäste nicht mit rationalen Argumenten zu vertreiben sind. Dass der Wolf weder verschlossene Türen öffnen noch durch Wände gehen kann, spielt dann keine Rolle. Alle Logik hilft nichts.
Seit gestern ahne ich auch, warum. Da reibt sich das Zwergelinchen gerade die müden Äuglein und gähnt. Ich kommentiere triumphierend: „Aha, da ist wohl das Sandmännchen vorbeigeflogen!“. Skeptischer Blick. „Aber Mama, wie kann es eigentlich an einem Abend zu allen Kindern fliegen? Es sind ja soooo viele!“ fragt sie plötzlich. „Es ist eben blitzschnell. Es sitzt auf seiner kleinen Wolke und flitzt einfach vorüber!“ antworte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Erst einen Augenblick später wird mir klar, dass ich damit gerade alle Logik aus dem Zimmer verbannt habe. Einfach so. Wie soll mir da noch einer glauben, dass Krokodile nur in Afrika leben und gar nicht durch unsere Kloschüssel passen?

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September 2014

Wenn die Zahnteufel kommen

Episode 19

Zwerge von heute putzen ihre Zähne noch bevor sie überhaupt denken können. „Vom ersten Zahn an!“, heisst die Devise und ich erinnere mich noch an mein Erstaunen, als mir vom Kinderarzt die erste Zahnbürste für meinen sechs Monate alten Zwerg überreicht wurde. „Zum Angewöhnen“ sei das Ding, das eher aussah wie ein Beissring mit ein paar Borsten. Wir nahmen es brav mit nach Hause.

Es funktionierte: Die Zwerge reinigten fleissig ihre ersten Beisserchen. Sie kannten nichts anderes. Sie sprangen manchmal sogar panisch wieder aus dem Bett auf und rannten ins Badezimmer, weil sie vergessen hatten, die Zähne zu putzen. Zu gross war die Angst vor den bösen Zahnteufeln, die sich sonst nachts an ihren Zähnchen zu schaffen machen könnten.

So funktionierte die Kariesprophylaxe lange Zeit hervorragend. Das Ritual war eingefleischt. Bis die Zwerge anfingen, es zu hinterfragen. Wer waren diese Zahnteufel genau und wie kamen sie in den Mund? Und wie können Zähne schwarz werden und Löcher kriegen? Sie hatten so etwas nämlich noch nie gesehen. Menschen mit kaputten, schwarzen Zähnen trifft man heute so gut wie gar nicht mehr an. Und der Räuber Hotzenplotz zählt ja wohl nicht wirklich. Sogar der gefürchtete Zahnarztbesuch, der mich als Kind noch zum Putzen motivierte, macht heute nicht mehr wirklich Angst, sind die Zahnärzte doch inzwischen alle kindergerecht eingerichtet und furchtbar nett.

Ich war also ziemlich hilflos und wich aus auf die Es-ist-nun-mal-so-Methode: „Ihr putzt euch einfach die Zähne, weil es wichtig ist! Alle Leute tun das.“ Das funktionierte zwar, war aber nicht wirklich überzeugend. Und es musste vor allem jeden Abend wiederholt werden. Bis endlich meine Rettung kam. Das war, als Tony, der arme Mops, eines Tages Zahnschmerzen kriegte. Ein kurzer Blick der Tierärztin in seinen Mund genügte, um den dringenden Handlungsbedarf zu erkennen. „Hier müssen einige Exemplare raus“, erklärte sie. „Die können wir nicht mehr retten“. Nach der Behandlung, Tony war gerade aus der Vollnarkose erwacht, fragte mich die Ärztin, ob ich die Zähne sehen wolle, die sie gezogen hatte. Ich blickte fasziniert auf die schwarzen, von Zahnstein und Karies zerfressenen, ekligen Stummelchen. „Oh ja“, antwortete ich, „die will ich sogar mit nach Hause nehmen! Ich glaube, ich muss sie jemandem zeigen…“ Seither geht es uns allen besser und das Zähneputzen wieder von allein.

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September 2014

Im Museum

Episode 18

Letztes Wochenende stand ein Besuch im Naturhistorischen Museum auf dem Zwergenprogramm. Und zwar nicht einfach mit Mami oder Papi, sondern mit dem Zwergenopa – was natürlich noch viel aufregender ist. Da kriegt man die volle Aufmerksamkeit und alle Zeit der Welt, die Dinosaurierskelette, Versteinerungen und ausgestopften Tiere von allen Seiten zu beobachten. Und man kann so oft „Was ist das?“ fragen, wie man will, man kriegt immer eine ausführliche Antwort.
So kamen also die Zwergenprinzessinen voller neuer Erkenntnisse und Eindrücke von ihrer Expedition in die Vergangenheit nach Hause. Bewaffnet mit dem Museums-Memory.

Es ist überflüssig zu erwähnen, dass wir die darauffolgenden Tage damit verbrachten, Memory zu spielen. Nicht nur, dass damit mein Kurzzeitgedächtnis hart auf die Probe gestellt wurde (wie können die sich das bloss immer so schnell merken?), ich wurde auch auf mein Allgemeinwissen hin getestet.
„Weisst du, was das ist?“, werde ich gefragt, als die Karte mit dem Mammut aufdecke. Völlig klar, dass das neu erworbene Wissen demonstriert werden will. „Keine Ahnung“, antworte ich brav, „ein Elefant mit Haaren?“ – „Neeeeiiin! Das ist ein Mammut!“- „Oh, ach so“. Weiter gehts: „Und was ist das?“- „Ein Fuchs?“ – „Neeeeiiin! Ein Schneehund, natürlich!“ Augenrollen – wie kann man so ein Banause sein? Dann kommt der Homo Erectus. „Das ist jetzt aber ein Affe!“, provoziere ich. „Neeeeiiin! Das ist im Fall ein gestorbener Mensch! Der hat nur ein Affengesicht, aber sonst nichts.“ – „Wirklich wahr?“ – „Ja, die sahen einfach so aus, die alten Menschen. Aber die Frauen nicht. Die waren hübsch.“ Dann bin ich ja beruhigt.

Zu guter Letzt kommt eine Versteinerung. „Ist das eine Schnecke?“, frage ich vorsichtig. „Ja! Und weiss du, wie gross die ist?“ – „Hmmm … vielleicht so?“, antworte ich und zeige mit den Fingern einen kleinen Abstand. „Neeeeiiin! So gross wie dieser Tisch! Also wirklich!“ Jetzt reicht’s der Zwergenprinzessin. Mit so viel Unwissen kann sie einfach nicht mehr umgehen. Nach einer bedeutungsvollen Pause sieht sie mich an und seufzt: „Mama, es ist also wirklich mal Zeit, dass du ins Maturistische Museum gehst! Und ruf den Opa an. Damit er’s dir erklärt“. Ok. Dann weiss ich jetzt, was ich zu tun habe…

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August 2014

Abende unter Freunden

Episode 17

Schön waren sie, die Abende, als wir mit Freunden bis tief in die Nacht am Tisch sassen, Wein tranken, rauchten und über Gott und die Welt diskutierten, bis uns die Augen zufielen. Dabei retteten wir jedes Mal die Welt. Natürlich, manchmal gerieten wir uns auch in die Haare, wurden laut oder jemand verliess wütend die Runde. Doch wir wussten: am nächsten Tag war das gegessen. Falls man sich überhaupt noch erinnerte, warum man sich gefetzt hatte. Das waren die Abende, an denen keiner auf die Uhr sah und wer das letzte Tram verpasst hatte, eben das Erste am nächsten Morgen nahm. Gesprächsstoff gab es ja genug.

Doch dann begannen die ersten, auszufallen. „Sorry, wir müssen jetzt los, die Babysitterin kann nur bis 23 Uhr bleiben“, hiess es. Oder: „Entschuldigung, wir haben den Zwerg mitgebracht – die Grossmutter ist krank.“ Kein Problem, wir machten das Beste daraus. Dann verzogen sich die Raucher eben auf die Terrasse und die anderen reichten sich – noch etwas unbeholfen – das Baby von Schoss zu Schoss. Und wir diskutierten weiter, so gut es ging.

Aber irgendwann waren es zwei oder drei Babies, irgendwann die ersten Krabbelwerge, die unter dem Tisch hindurchwuselten, irgendwann die ersten Zwergenkinder, die mit am Tisch sassen. Und unsere Abende wandelten sich immer mehr.

Heute raucht so gut wie niemand mehr – wir sind schliesslich verantwortungsbewusste Eltern. Und auch getrunken wird nur noch in Massen. Denn ein Kater ist noch viel härter, wenn einem die bestens gelaunten, frühaktiven Zwerge um die Ohren tanzen. Das tut sich niemand freiwillig an.

Auch an einen richtigen Diskussionsstrang ist nicht mehr zu denken. Man ist froh, wenn man nach der Windelwechsel-Pause den roten Faden überhaupt noch findet. Meistens teilt sich die Partyrunde sowieso in Grüppchen: in die, die gerade am Tisch den Brei verfüttern, die, die den Turbokrabblern hinterherrennen und die, die im Gästezimmer versuchen, ihren Zwerg zum Einschlafen zu bringen.

Nein, die Abende unter Freunden sind nicht mehr gleich. Wir retten die Welt nicht mehr. Und wir sitzen nicht mehr zusammen bis zum Morgengrauen. Aber das ist gut so. Denn keiner von uns würde je wieder zurück wollen!

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August 2014

Abgeschminkt

Episode 16

Eigentlich dachte ich, die Zeiten seien vorbei, als ich meine T-Shirts der Farbe des Babybreis anpasste und nicht derjenigen der Hose. Ich dachte, ich hätte die Kontrolle über mein Äusseres längst wieder zurückerobert, die mir als Jungmutter entglitten war. Doch das war, wie sich heute herausstellte, nur Wunschdenken.

Ich erinnere mich noch gut an die Milchschoppenphase. Als mir die Bürokollegen diskret zuflüsterten, dass da noch „so ein weisser Fleck“ auf meiner Schulter sei. Das war auch die Phase, in der alle Kleidungsstücke, die nicht bei 50 Grad in der Maschine gewaschen werden können (also alle edlen Materialien), aus meinem Kleiderschrank verschwanden.

Dann fingen die Zwerge an, Brei zu essen. Damit verabschiedete ich auch alle hellen Farben aus meinem Sortiment. Denn Karotten- und Spinatbreiflecken gehen auch bei 60 Grad nicht mehr wirklich raus – egal, was die Vanish-Oxy-Power-Lady sagt. Und dass die kleinen, neugierigen und blitzschnellen Fingerchen den Tod jeder Sonnenbrille bedeuten, musste ich auch schmerzhaft erfahren. Fast gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass das Tragen von Lippenstift keine gute Idee ist. Denn ist der erst einmal an den Händchen, ist er Sekunden später auf Nase, Backen, Kleidern, Sofa, Wand… So reduzierten sich also nach und nach meine Kleider auf ‚praktisch’, meine Schuhe auf ‚bequem’, die Frisur auf ‚schnell’ und das Make-Up auf ‚inexistent’.

Doch diese Zeiten liegen ja nun hinter uns. Die Zwergenprinzessinnen sind inzwischen alt genug, um selber zu essen und sich die Hände zu waschen. So sitze ich also heute Morgen in weisser Bluse und Blazer im Tram und fahre ins Büro. Ich bin sogar ziemlich stolz auf mich, denn ich bin super in der Zeit. Das ist nicht selbstverständlich bei der Hektik, die morgens herrscht: Zwerge aus den Federn kriegen, ihre Kleider aussuchen und absegnen lassen, Morgentoilette durchkommandieren, selber duschen, anziehen, Frühstück verabreichen, alle an den richtigen Ort bringen, selber aufs Tram rennen. Da kann es schon mal zu Verspätungen kommen. Doch heute lief alles wie geschmiert. Bei der Arbeit angekommen mustert mich meine Kollegin jedoch etwas besorgt. „Geht es dir gut? Du siehst etwas blass aus…“, fragt eine andere. „Nein, alles gut, danke!“, antworte ich und frage mich, was sie wohl meint. Etwas später, beim Blick in den Spiegel des Damen-WCs, weiss ich es. Nicht nur, dass ich komplett vergessen hatte, mich zu schminken, ich hatte auch immer noch die Alle-Haare-Hoch-Duschfrisur auf dem Kopf. Na wunderbar! Und ich dachte, ich hätte mein Styling schon längst wieder unter Kontrolle…

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Juli 2014

Sommernächte

Episode 15

Das Schönste am Hochsommer ist, dass alles ein klein wenig aus den Fugen gerät. Alles wird langsamer. Der Alltag macht Pause – und mit ihm so manche Erziehungsregel. Wenn es einfach zu heiss ist für Spaghetti, gibt es eben Glace. Wenn es einfach zu heiss ist zum Aufräumen, bleiben die Sachen eben liegen. Und wenn es einfach zu heiss ist zum Schlafen, bleibt man eben wach. Denn auch die besten Einschlafrituale nützen nicht viel bei 28 Grad Zimmertemperatur.

So sitzen wir also alle gemeinsam in einer heissen Sommernacht auf der Terrasse des Ferienhauses und schauen in den Sternenhimmel. „Mama, wo wohnt der Mond?“ – „Da, wo auch die Sterne wohnen.“ – „Wo ist das?“ – „Im Weltall, dort wo unser Himmel aufhört und das schwarze Drumherum anfängt“. Das Zwergelinchen sieht mich sehr skeptisch an. Ich spüre, sie glaubt mir kein Wort. „Und am Tag?“ – „Dann auch. Er ist dann einfach auf der anderen Seite der Welt, da, wo dann Nacht ist“. Sie denkt nach. Das klingt alles schon ziemlich unglaubwürdig. Nach ein paar Minuten fasst sie zusammen: „Dann setzt er sich also auf den Rand vom Himmel, schaut uns an und streckt seinen Popo ins Weltall?“ – „Genau.“ – „Aha“. Jetzt ist offenbar alles klar. Erleichtert lehnt sich Zwergelinchen wieder zurück und betrachtet verzückt den Herrn Mond.

‚Da bin ich ja noch gut davon gekommen’, denke ich gerade, als der Zwergenvater zur Sternenkunde-Lektion ausholt: „Seht ihr, das da ist die Milchstrasse“. Er liebt Astronomie. Ich ahne, dass uns das Wort Milchstrasse noch arg in die Bredouille bringen wird. Eine Viertelstunde später, nachdem wir geklärt haben, dass es nicht wirklich eine Strasse im Himmel gibt und dass sie mit der Milch auch nur die Farbe gemeinsam hat, kommen wir zu den Sternschnuppen. Fragen über Fragen! Wieso fallen Sterne herunter? Und wieso kommen sie nicht unten an? Und wie können Sterne brennen? Am Ende meiner mentalen Kräfte (es ist bereits Mitternacht) kürze ich die Sache ab: „Das Wichtigste bei den Sternschnuppen ist, dass man sich etwas wünscht, wenn man sie sieht“. Sehr gut. Das kann man sich merken. Das gefällt den Zwergen! Also warten wir geduldig auf die nächste Sternschnuppe. Gebannt starrt die Zwergenprinzessin in den Himmel und wackelt gedankenverloren an ihrem ersten Wackelzahn (dem ultimativen Beweis dafür, dass sie schon so gut wie erwachsen ist). Und endlich: „Da ist eine! Da! Da!“ Völlig ausser sich vor Freude hüpft sie vom Stuhl, schliesst ganz fest die Augen und wünscht sich etwas.

Wenig später gehen wir dann doch noch zu Bett. Es wird gerade still, da steht die Zwergenprinzessin plötzlich neben mir: „Ich muss dir unbedingt ins Ohr flüstern, was ich mir gewünscht habe!“ – „Also gut, was?“ – „Dass mir alle Zähne ausfallen!“ Da ist es schon wieder fertig mit der Stille – ich habe schon lange nicht mehr so laut gelacht…

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Juli 2014

Koffer packen

Episode 14

Die grossen Ferien stehen vor der Tür und eine ganz besondere Stimmung liegt in der Luft. Eine Mischung aus Vorfreude, Erschöpfung und Nervosität. Es ist, als wären alle nur noch damit beschäftigt, rückwärts zu zählen: die Zwerge („Wie viel Mal müssen wir noch schlafen?“), die Zwergenmutter („Wie viel Zeit habe ich noch, um alles zu besorgen?“), der Zwergenvater („Nur noch drei Tage Büro!“). Alles blickt sehnsüchtig auf den einen Moment, der uns aus dem Alltag entführen soll.

Und dann kommt der Tag, an dem die Koffer gepackt werden. Die Aufregung ist auf dem Höhepunkt. „Wir haben eine super Idee: Wir packen unsere Spielsachen dieses Jahr selber!“ schlagen die Prinzessinen im Chor vor. Hoffnungsvoll blicken sie mich an. Nach einem kurzen Moment des Zögerns stimme ich zu. Die Idee ist wirklich nicht schlecht. Schliesslich soll man seine Zwerge ja zur Selbstständigkeit erziehen. Ausserdem kann ich so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens habe ich Ruhe, um die Kleiderkoffer zu packen, und zweitens wissen sie ja selbst am besten, womit sie gerne spielen. Eine klassische Win-Win-Situation, wie man so schön sagt.

Falsch gedacht. Fünfzehn Minuten später geht’s los, das Zwergelinchen steht weinend und völlig entnervt neben mir. „Was ist passiert?“ – „Der blöde Rucksack geht nicht zuuuuhuuhuuu!“ – „Kein Problem, ich helfe dir, komm“. Aber in ihrem Zimmer angekommen merke ich: es ist doch ein Problem. Ich zähle: vier Barbie-Pferde, eine Wanduhr (!), Kindergeschirr (2 Tassen, 1 Kochtopf, drei Messer und ein Salat aus Plüsch), eine Taschenlampe, ein Puzzle (mitsamt Schachtel, natürlich), sieben Packungen Papiertaschentücher, zwei selbstgemalte Zeichnungen, einen Farmer-Stengel und sechs Plüschtiere. „Siehst du? Er geht einfach nicht zu!“. Und dabei sind erst zwei von vier Rössern drin…

Schüchtern blicke ich hinüber ins andere Zimmer. Dort sehe ich die grössere Zwergenprinzessin, wie sie inmitten eines Berges von Spielsachen beherzt auf dem Rucksack herumstampft – offensichtlich, um etwas klein zu kriegen, was zu gross ist.

Oh weh. Was habe ich da bloss angerichtet? Es ist also doch Teamwork gefragt.

Nach anderthalb Stunden sind wir fertig. Und dies auch nur, weil ich irgendwann aufgehört habe, nach dem Sinn eines Gegenstandes zu fragen und mich einfach darauf beschränkt habe, die Grösse zu berücksichtigen. Das Wichtigste: beide Rucksäcke sind jetzt zu. Und irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass sie das auch bleiben werden. Und zwar ganze zwei Wochen lang. Denn hatten wir das letzte Jahr den (von mir gepackten) Spielsachen-Rucksack nicht genau so, wie er angekommen war, auch wieder mitgenommen?

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Juni 2014, Uncategorized

Alleine unterwegs

Episode 13

Heute fuhren das Zwergelinchen und ich mit dem Tram zur Tanzstunde. Obwohl es mit dem Auto viel schneller und bequemer geht, bevorzugt Zwergelinchen nämlich das Tram. Denn so ist die Fahrt an sich schon ein kleines Abenteuer. Andere Menschen beobachten, die Werbeplakätchen studieren, Konversationen mithören und – allem voran – den roten Knopf zum Aussteigen drücken. Tramfahren ist einfach faszinierend.

Bis jetzt fuhren das Zwergelinchen und ich immer zusammen Tram. Am liebsten sass sie auf meinem Schoss, auch wenn es genügend freie Sitze für beide hatte. Beim Ein- und Aussteigen hielt sie sich dann so fest an meiner Hand, dass ich um die Blutversorgung meiner Finger fürchten musste. Und sie war immer besonders brav, denn sie wusste, dass Tramfahren auch gefährlich sein kann (Wer geht schon gern im Menschengewühl der Rushhour verloren?). So war das jedenfalls bis gestern.

Heute wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Heute war das Zwergelinchen nämlich alleine unterwegs. Schon auf dem Weg zur Station hatte ich bemerkt, dass sie mir ihr Händchen nur widerwillig und auch nur gerade zum Überqueren der Strasse gab. Sobald wir das Trottoir wieder erreicht hatten, zog sie es weg und lief demonstrativ einige Schritte voraus. Sie wusste schliesslich, wo sie hin wollte! Die (viel zu grosse) Tasche über der Schulter, den ernsten Blick geradeaus ging sie ihres Weges.

Als das Tram kam und ich, wie gewohnt, nach ihrer Hand griff, wurde sie wütend. „Lass mich, ich bin erwachsen! Ich fahre allein!“, zischte sie, riss sich los, warf die Haare in den Nacken und stieg ein. Sie kletterte auf den Sitz gleich neben der Türe und sah aus dem Fenster. Ich wurde keines Blickes gewürdigt beziehungsweise ich war ja gar nicht da. Also nahm ich diskret schräg gegenüber Platz und sah auch aus dem Fenster. So fuhren wir – zwei Fremde – einige Stationen weit ohne einander (offiziell) anzusehen. Bis der Mann mit dem grossen schwarzen Schäferhund einstieg. Der Hund war so gross, dass seine Schnauze beim Vorbeigehen beinahe Zwergelinchens Gesicht gestreift hätte. Ein kurzer Angstschrei, ein grosser Satz und schwupps, sass sie wieder auf meinem Schoss. Ich umarmte sie genüsslich und wir fuhren schweigend weiter. Zusammen Tram fahren ist eben doch schöner!

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Juni 2014

Auge um Auge

Episode 12

Ein spitzer Schrei gellt durchs Haus. Erschrocken springe ich auf und renne die Treppe hinunter. Was ist los? Zwergelinchen steht heulend im Gang. Verzweifelt schimpft und stampft sie vor sich hin. Ich verstehe kein Wort, aber bin erleichtert. Wenn sie so wütend sein kann, ist ihr offensichtlich nichts Schlimmes passiert. Ihr nicht. Aber dem armen Niluferd schon…

Niluferd ist ein Schaf und eine wichtige Person im Zwergenland. Er ist Zwergelinchens bester Freund. Ohne ihn schläft sie gar nicht gern ein. Und wenn sie Sorgen hat, dann tröstet er sie. Nun sehe ich ihn durch die Luft fliegen – Zwergelinchen hat ihn angewidert in die Ecke geschmissen. „Wieso bist du böse auf Niluferd?“ frage ich erstaunt. „Nicht der Niluferd ist bös. Tony ist bös!“, schluchzt sie verzweifelt. „Er hat ihn verbissen, jetzt hat er kein Auge mehr!“. Das Drama ist also grösser, als ich gedacht hatte. Tony, der (echte) Hund, hat in einer Frustattacke („Warum schmust ihr immer mit denen aus Plüsch anstatt mit mir?“) Niluferds linkes Auge gefressen. Oder zumindest weggekaut.

Ich hebe den Verwundeten auf: „Schau mal, so schlimm ist das doch nicht. Wir machen ihn sauber und kleben ihm ein Pflaster drauf. Dann sieht er aus wie ein mutiger Pirat. Eigentlich ist er jetzt noch cooler!“. Ich gebe wirklich mein bestes, um den einäugigen Niluferd zu etwas ganz Besonderem zu machen. Mit Erfolg: nach einiger Überzeugungsarbeit hat sich Zwergelinchen beruhigt und ist bereit dazu, Niluferd zu verarzten. Immer noch etwas skeptisch legt sie ihn in ihr Bett, damit er sich ausruhen kann. Wir geben ihm beide ein Küsschen. Stolz auf die gelungene Wiederbelebung des Totgeglaubten lege ich die Geschichte ad acta, denn jetzt ist ja alles wieder gut…

Als ich am nächsten Morgen Niluferd unter dem Bett vorfinde, lege ich ihn mechanisch wieder aufs Kopfkissen. Er muss in der Nacht rausgefallen sein, so wie schon oft. Doch nach ein paar Tagen fällt mir auf, dass Niluferd jeden Morgen unter dem Bett liegt. Und im Puppenwagen hat er auch schon lange nicht mehr mitfahren dürfen. „Armes Tier!“, denke ich und klopfe ihm den Staub vom Fell. Da fällt mir erst auf, wie schrecklich er eigentlich aussieht. Das Pflaster ist natürlich längst weg und aus der klaffenden Wunde hängen überall Fäden heraus. Es war wohl doch etwas viel verlangt von Zwergelinchen, neben diesem Zombie-Gesicht schlafen zu müssen! Und für die Lektion in „Die inneren Werte zählen“ ist es definitiv noch etwas zu früh. Ich beschliesse darum, Niluferd einen Knopf als Augenersatz anzunähen. Seither darf er wieder mitspielen. Zwar nicht in der ersten Liga (da hat inzwischen ein Hase seinen Platz erobert), aber immerhin schläft er nicht mehr unter dem Bett. Ja, das Leben kann hart sein im Zwergenland…

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Mai 2014

Knastbruder Tony

Episode 11

Der Tony ist ein armer Hund. Nicht nur, dass er ein Mops ist und somit eigentlich schon eher zur Gattung der Katzen gehört. Manchmal geht er im Familientrubel auch einfach ein wenig vergessen. Und einmal, da wurde er auch einfach entführt. Gut, die Entführer würden sagen, er wurde gerettet. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Ich bin auf jeden Fall erst einmal zusammengezuckt, als ich den Anruf der Polizei erhielt. „Sind Sie die Besitzerin von Tony? Er wurde gefunden. Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen.“ Ach so, war er denn überhaupt weg? Ich hatte keine Ahnung, wovon der nette Herr sprach. „Also laut Chip-Verzeichnis gehört der Mops ihnen…“

Was war passiert? Der liebe Tony ist ein sehr gemütliches Wesen. Manchmal muss er regelrecht in den Garten gezwungen werden, damit er sich die kurzen Beinchen vertreten und allfällige Bedürfnisse verrichten kann. Um zu verhindern, dass er gleich wieder umkehrt und zurück aufs Sofa rennt, muss man dabei die Türe hinter ihm schliessen. Ist die Türe aber mal zu, kann es passieren, dass man ihn draussen vergisst. Das ist auch (zumindest im Sommer) nicht weiter schlimm – es ist nur blöd, wenn dabei das Gartentor sperrangelweit offen steht.

So geschah es, dass am besagten Tag Tony vor dem Haus auf der Strasse herumspazierte und mitten auf der Fahrbahn stehen blieb, als ihm ein Auto entgegen kam. Die tierliebe Lenkerin bremste natürlich und entschloss sich kurzerhand den vermeintlichen Streuner zur Polizei zu bringen. So begann Tonys Odyssee durch die Mühlen der veterinären Justiz-Anstalten.

Da ich nämlich zur Tatzeit nicht zu Hause, sondern bei der Arbeit war, erreichte mich der besagte Anruf erst zwei Stunden nach Tonys Inhaftierung. Und während meine Freundin, die ihn in den Garten gelassen hatte, verzweifelt das Quartier nach dem verschwundenen Hund absuchte, war dieser bereits von der Polizeiwache zur Auffangstation des kantonalen Veterinäramts gebracht worden.

Bezeichnender Weise liegt die Auffangstation für gefundene Tiere auf dem Schlachthof-Areal ausserhalb der Stadt. Ich machte mich also auf den Weg und nachdem ich etliche Formulare unterzeichnet, mir eine Moralpredigt angehört und die Auslöse-Gebühr bezahlt hatte, erklärte mir die Dame am Schalter, dass ich nun quer durchs Areal laufen und hinter dem grossen Kühlhaus bei der Barracke, auf der Auffangstation steht, klingeln solle. „Sind sie denn nicht mit dem Auto da?“, fragte sie noch mit Blick auf meine hohen Schuhe. Nein, kein Auto. Und ja: falsche Schuhe. Gebt mir doch jetzt einfach meinen Hund! Das tat der nette, von oben bis unten durchtätowierte Mann dann auch, der bereits vor der Tür der Barracke stand und mich anlachte. Er hatte mich wohl schon zwischen den Kühllastern hindurch stackeln gehört. Tony wedelte fröhlich an der Leine und fand’s super. Sowas Cooles wie ein Knastbesuch machte ihn ja auch schon fast wieder zum richtigen Hund. Nur für’s Tattoo hatte die Zeit leider nicht gereicht…

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Mai 2014

Räubergeschichten

Episode 10

In jeder Familie gibt es Räubergeschichten. Sie basieren auf wahren Begebenheiten und handeln von abenteuerlichen Momenten, Unfällen, Streichen oder sonstigen unerwarteten Zwergen-Aktionen. Manche sind spektakulär, manche lustig, andere wiederum beängstigend. Aber alle werden wie Schätze gehütet, regelmässig hervorgeholt und jahrelang genüsslich wieder und wieder erzählt. Mit Vorliebe von den Zwergenmamas, während die (inzwischen herangewachsenen) Teenager-Zwerge gelangweilt die Augen verdrehen. Es ist dabei immer dasselbe: in dem Moment, wo die Räubergeschichten passieren, wünscht man sich ganz weit weg. Aber im Nachhinein würde man sie nie wieder hergeben wollen.

Meine Familie hat eine überdurchschnittlich grosse Schatztruhe voller Räubergeschichten. Denn mein Bruder war ein richtiger Räuberzwerg. Natürlich ein lieber. Aber ein Räuber. Zum Beispiel als er mit Akrylfarbe quer über das Garagentor seines (natürlich sehr bösen, ungerechten und fiesen) Primarlehrers „Ars**loch“ schreiben wollte. Leider – oder Gott sei Dank – war der Topf nach dem „l“ leer. Die Farbe reichte zwar nicht, um das Wort fertig zu schreiben, aber es war noch genug da, um eine Tropfspur bis zu unserem Haus zu hinterlassen. Das war teuer.

Auch gern erzählt wird die Geschichte, als er als Fünfjähriger mit dem Velo seitwärts in ein Fahrschulauto gerast ist. Dabei spickte er vom Rad und flog über die Motorhaube. Auf der anderen Seite stand er sofort wieder auf, schnappte sich sein Velo und versteckte es in der Parallelstrasse (Spuren verwischen!). Dann schlich er über einen Umweg nach Hause und setzte sich schweigend aufs Sofa. Dass er einen gebrochenen Arm hatte, fiel erst später auf. Währenddessen sass der geschockte Fahrschüler weinend auf dem Bordstein und wurde von einer Passantin getröstet. Sein Fahrlehrer klingelte der Reihe nach an allen Haustüren, um herauszufinden, wem der Kamikaze-Zwerg gehörte und ob er noch lebte…

Doch das Schöne an Räubergeschichten ist ja: Sie haben per Definition ein Happy End. Und so hat auch mein Bruder seine Kindheit überlebt. Genauso wie der Zwergenvater, über den ich auch schon manch spektakuläre Räuberei gehört habe.

Und ihr, meine lieben Prinzessinnen, was werden wir von euch zu erzählen haben? Dass auch ihr es faustdick hinter den Ohren habt, ist unbestritten. Doch als eure Mutter habe ich immer noch die Hoffnung, dass die härtesten Räubergeschichten-Gene auf dem Y-Chromosom liegen und nur an Söhne vererbt werden. Obwohl: ein bisschen schade wäre es ja schon…

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